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Erzählung von ALFRED GESSWEIN

Er ritt von der Hauptkampflinie zurück zum Troß. Er ritt den Hinterhang hinab zum Wald. Solange noch die Schneise sichtbar war, war auch noch der ohrenbetäubende Kriegslärm zu hören, die blechernen Abschüsse der Artillerie, das schwirrende Sausen der Geschoße durch die Luft, sodaß man noch im Sekundenbruchteil ihren Einschlag erahnen konnte, während die Granaten aus den Werfern ohne Vorwarnung senkrecht herabstürzten und detonierten.

Er erinnerte sich an einen ihm unvergeßlichen Morgen, als er über einen von Granatwerfergeschoßen umgeackerten Hügel mußte. Er erinnerte sich noch an die zwecklose Flucht vor den unausgesetzt herabstürzenden, unberechenbar heimtückischen Geschoßen. Er erinnerte sich seiner Angst, die ihm die Kehle schnürte. Er warf sich damals in ein von einer Granate gerissenes Erdloch, mit dem Wissen, daß ein Werfer niemals ein zweites Mal dieselbe Stelle trifft.

Um ihn herum schlugen die Granaten unaufhörlich ein, warfen Erde und Eisensplitter über seinen Kopf. Sein Mund war ausgedörrt, daß ihm das Atmen schwer fiel. Mit der Zunge leckte er Salz und Erde von seinen Lippen. Es war ein Augenblick, wo der Mensch gleich einem Tier in Todesangst schutzsuchend sich in die Erde wie in den Mutterleib verkriecht, ein lethargischer Zustand, in dem Minuten zur Ewigkeit werden: die plötzliche Gewißheit des Alleinseins, die widerstandslose Ergebenheit in das Ungewisse, Bedrohende.

Er erinnerte sich noch, als plötzlich hinter der von Granaten zerpflügten Anhöhe, in etwa dreißig Metern Entfernung, eine Gestalt, die ihm wie ein außerirdisches Wesen erschien, auftauchte. Es war ein Mann, der aufrecht und unbekümmert durch den Granathagel ging, nicht anders, als befände er sich auf einem alltäglichen Spaziergang. Beim langsamen Näherkommen des Mannes erkannte er in ihm den Regimentskommandeur. War es Mut, Heldentum, oder war es der Fluchtversuch in der Voraussicht eines verlorenen Krieges? Diese Frage beschäftigte ihn noch lange und er fand keine schlüssige Antwort für diese scheinbar sinnlose Todesverachtung eines Majors, der vor wenigen Tagen in die vordem feindlichen Ansturm fliehenden Männer seines Bataillons, über die Leiber der in ihrem Schmerz aufschreienden Verwundeten hinweg, blindwütig hineinschoß.

Was ist Mut, dachte er, verbirgt sich dahinter nicht ein trauriger Fatalismus, ein selbstzerstörerisches Element, wenn der Selbsterhaltungstrieb auf dem Nullpunkt steht? Drückt diese Art von Mut nicht die Verachtung wider alles Lebendige aus? Vielleicht aber hat der Begriff Mut nur einzig dort seine Berechtigung, wo es um ein ethisches Ziel geht. - Jedoch in diesem Krieg, wo Freund und Feind nicht wissen, warum sie töten - ?

Er rückte sich im Sattel zurecht. Seine ganze Aufmerksamkeit war nun auf den Weg gerichtet, der in der Dunkelheit kaum noch erkennbar war. Je tiefer sein Pferd in das Innere des Waldes eindrang, umso leiser wurde der Kriegslärm und verstummte bald gänzlich. Zuletzt war nur noch der gedämpfte Hufschlag des Pferdes auf dem weichen Waldboden hörbar. Der Himmel über ihm war schwarz und wie ein Feuerwerk übersät mit Sternen.

Diese Sternennacht erinnerte ihn an ein Erlebnis ganz zu Anfang seiner Frontzeit. Deutlich erinnerte er sich noch an den frisch ausgehobenen Graben, an das Lager aus Grasnarben und Reisig. Von hier aus meldete er täglich an den Bataillonsgefechtsstand die Kompaniestärke, den Abgang und den neuen Stand; von hier aus forderte er fast unausgesetzt den Nachschub von etlichen Kisten Tomaten und Bohnen an, Chiffren für Granaten und SMG-Munition. - Damals sah er sich mit einem Mal als Handlanger in einem großen Schlachthaus, der die geschliffenen Messer in einer lückenlosen Stafette weitergibt.

Das Gelände mit Heckenrosen und Wacholderbüschen, mit Hügeln, Wäldern und Häusern, die zu Zielpunkten und Zahlen wurden im Feindbereich, bestand aus nichts Lebendigem mehr. Die gesamte Natur war integriert in das mörderische Kriegsgeschehen. Er erinnerte sich eines Zielpunktes. Es war eine graue, unscheinbare Kapelle auf einem Hügel gelegen, die am Tage und auch des Nachts weithin sichtbar war, daher bezeichnet auch als Zielpunkt Eins.

Es geschah eines Nachts, als beide Fronten schwiegen - es war eine sternklare Nacht wie diese - als er aus einem kurzen, traumlosen Schlaf erwachte und nicht wußte, wo er sich befand. Erst als der leichte Schmerz in seinen Schultern von dem gepreßten Reisig, darauf er lag, herrührend, ihm die Wirklichkeit bestätigte, geschah es, daß der Zielpunkt Eins zu tönen begann.

Ein klarer, voller Orgelton breitete sich über die feindlichen Gräben hin ins unermeßliche. Aus Zielpunkt Eins, aus der grauen, unansehnlichen Kapelle inmitten der Gefahrenzone,' im Schußfeld, auf einer den Granaten und Infan-teriegeschoßen ausgesetzten Todesinsel, erklang, völlig deplaciert, das

Largo von Händel. Es war bei der Hochzeit eines Freundes, als er dieses Largo, ganz unvermutet vom Chor einer Kirche herab, zum ersten Mal hörte. Damals empfand er es, dem Anlaß entsprechend, als einen feierlichen Introitus zu einem Bündnis, einen freudigen Hymnus. Jedoch hier, über dem geschändeten Stück Land, klang es wie ein verzweifelter Aufschrei gegen Krieg, Hunger und Tod, gegen die apokalyptischen Reiter.

Das Vorfeld der Gräben lag regungslos. Im Graben selbst standen die Männer in Abständen von fünf Schritten und horchten wie erstarrt hinüber nach der Kapelle im Niemandsland. Er erinnerte sich, wie er damals seine Hände zu Fäusten ballte und sie, der Vergeblichkeit seines Widerstandes bewußt, wieder löste.

Die Schritte des Pferdes wurden langsamer, zögernder, der Wald dichter, der Weg verlegt durch Wurzeln und Knieholz, immer mühevoller. Er hielt das Pferd an, stieg ab, streifte die Zügel über den Kopf des Tieres und legte sich, die Zügel in der Hand behaltend, auf den weichen Waldboden. Er sah hinauf in den von dunklen Baumwipfeln umsäumten Himmel. Es war ein Augenblick, den man wie den Duft einer Blume tief einatmet und der lange noch im Bewußtsein nachwirkt.

Sehr lange lag er in dieser ausgesparten Stille, in der vielleicht ein dürrer Zweig knickte, oder die abgestorbene Rinde von einem Baum abbröckelte, als etwas Weiches, Feuchtes über seine Wangen strich. Plötzlich sah er von seiner Lage aus den riesengroß scheinenden Pferdekopf über sich gebeugt. Die Worte aus dem Märchen fielen ihm ein: O, Falada, da du hangest, wenn das deine Mutter wüßte...

Im Weiterreiten ließ er die Zügel lok-ker. Er wußte ja keinen Weg. Mit der offenen Handfläche streichelte er anerkennend den Hals des Tieres, das ihn über Strauchwerk und Unterholz an ein Ziel, das er nicht kannte, trug. Er konnte sich nicht genug wundern über den Orientierungssinn des Tieres, das trotz stockdunkler Nacht, über Knieholz und Wurzelgestrüpp, den rechten Weg fand.

Wie ist doch, dachte er, dieser Sinn bei den Menschen so gänzlich verkümmert. - Wodurch ist er dann dem Tier noch überlegen? - Allein wohl nur durch den Verstand, der es ihm ermöglicht, sich selbst zu vernichten!

Sie kamen an eine Waldlichtung. Das Licht der vollen Mondscheibe blendete und tauchte das Gestämm des Waldes, die Wiese und den Himmel in einen silbernen Nebel. Es erinnerte ihn an eine Landschaft des Kaspar David Friedrich.

Als sie wieder in das Dunkel des Waldes eindrangen, war ihm, als müßte er nun immerzu reiten, als könnte das Tier ihn aus der grauenvollen Gegenwart mit ihren Uberraschenden Schrek-ken, die er immer noch wie in einem Trancezustand erlebte, hinauszutragen.

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