6917464-1981_31_12.jpg
Digital In Arbeit

Es fehlt an der Pflege

Selbsthilfe entsteht und organisiert sich immer dann, wenn eine Notsitua­tion vorliegt. Im Falle der wachsenden Patienten-Gruppen erweist sich diese Notsituation als eine pflegerische. Sie wird offenkundig, wenn Mitglieder der Selbsthilfegruppen über ihre offenge­bliebenen Bedürfnisse während des Krankenhausaufenthaltes und nach ih­rer Entlassung erzählen.

Die Ursache liegt zum großen Teil in unserem Versicherungssystem, welches derzeit ein Maximum an ärztlicher und ein Minimum an pflegerischer Versor­gung vorsieht.

So werden alle außerstationären Lei­stungen der praktischen Ärzte, der frei . niedergelassenen Fachärzte und Zahn­ärzte nach einem festgelegten Honorar­system abgegolten. Die außerstatio­näre Pflege hingegen wird nicht als Pflichtleistung der Kassen anerkannt. Das führt zu der paradoxen Situation, daß ein Kranker zu Hause für die Visite des Arztes nicht, für die Visite der Hauskrankenschwester aber wohl be­zahlen muß.

Ähnlich liegt der Fall auch im Be­reich des Krankenhauses. Obwohl der stationäre Aufenthalt nach sogenann­ten Pflegetagen gemessen wird, ist der Anteil der Pflege an der Gesamtlei­stung sehr niedrig. Die meiste Zeit der Krankenschwester fällt auf die Erledi­

gung ärztlicher Routinearbeiten, und für die Pflege der Kranken bleibt wenig übrig. Das mag damit Zusammenhän­gen, daß die Betreiber der Spitäler über die Qualität ihres Pflegeangebotes zu wenig konkret nachdenken. Sie stellen ja auch keine Messung ihrer Leistung an.

Eine Reihe von Patienten findet sich mit dem unzureichenden Stand der pflegerischen Versorgung nicht ab. Sie tun sich zusammen und gehen gemein­sam daran, ihre Lage zu verändern und zu verbessern. Die in einigen Krebs- Selbsthilfegruppen in Wien zusammen­gekommenen Kranken und Angehöri­gen formulieren ihre Ziele in folgender Reihung:

In erster Linie wollen sie ihre innere Sicherheit gegenüber der Krankheit stärken, weil sie unter der Unsicherheit über den Verlauf, die Prognose und die Behandlungsmöglichkeiten enorm lei­den. Sie wollen sich über den Einfluß der Krankheit auf ihr weiteres Leben klar werden und neue Perspektiven ge­winnen.

Weiters wollen sie erfahren und ler­nen, wie sie sich besser als bisher selbst helfen könnten. Sie haben einen starken Wunsch nach Anleitung im Prakti­schen, nach Pflegemethoden und Hilfs­mitteln, welche ihre Beschwerden er­leichtern können!

Sie wünschen sich auch mehr Infor­mation über bestehende Einrichtungen wie etwa Spezialbehandlungsstätten oder finanzielle Unterstützungen, weil sie alle nur erreichbaren Instanzen fur ihre Wiederherstellung heranziehen wollen.

Und nicht zuletzt wollen sie sich in schwierigen Krisensituationen gegen­seitig beistehen, soweit es ihr eigener Zustand erlaubt. Freilich empfinden sie dieses Ziel als hochgesteckt und nicht wenige Mitglieder der Krebs-Selbsthil­fegruppen sind von ihrer eigenen Pro­blematik so sehr in Anspruch genom­men, daß sie nicht fähig sind, anderen zu helfen.

Die amerikanische Krebsliga gibt drei Formen der Organisation an:

Informationsdienst: Hierbei werden Fachleute eingeladen, über Themen zu referieren, welche die Betroffenen wün­schen.

Besuchsdienst: Patienten, denen es gut geht, besuchen andere, denen es nicht gut geht.,

Selbsthilfegruppen: Betroffene und/oder Angehörige treffen sich in Gruppen und besprechen ihre Pro­bleme.

Selbsthilfegruppen bieten ihren Mit­gliedern eine Umgebung, in der der einzelne seine Gefühle frei aussprechen und besprechen kann. Der einzelne fühlt sich von den anderen Gruppen­mitgliedern angenommen. Dadurch kann er aus einer Isolation herausfm- den und neue Wege einschlagen, um mit seiner Krankheit fertig zu werden. Dadurch, daß einer dem anderen helfen kann, erfährt er auch eine Befriedi­gung, die ihm selbst wieder weiterhilft.

Am Beispiel der Krebs-Selbsthilfe­gruppen in Wien kann gesagt werden: Selbsthilfegruppen entstehen spontan, sie sind eher kleine Gruppen und dauern unterschiedlich lange. Ihre Mit­glieder kommen freiwillig und nach ei­genem Ermessen und arbeiten unent­geltlich. Sie verhalten sich Fachleuten und Funktionären gegenüber eher skeptisch und beanspruchen sie nur ge­legentlich. In dem Augenblick, als die Gesundheitsverwaltung daran ging, den Gruppen ein gewisses organisatorisches Konzept überzustülpen sowie admini­strative und finanzielle Unterstützung zu geben, verloren die Gruppen ihre Spontaneität und Motivation und man­che zerfielen überhaupt!

Dieses Vorkommnis bestätigt die These, daß Selbsthilfegruppen nicht mit Freiwilligenorganisationen vergli­chen werden können.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau