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Europa-Horizonte der Hoffuung

Daß im zentralen Programm des österreichischen Katholikentages eine große Europa-Veranstaltung geplant ist, das ist selbst schon ein großes Zeichen der Hoffnung. Daß daraus ein reales Element, ja Fundament menschlicher Hoffnung in einer apokalyptischen Zeit werden könnte, wird der Verantwortung, der Bereitschaft und der Sensibilität der Christen überantwortet sein.

Es war im Juni 1979 in Gnesen, als Johannes Paul II. - beachtenswerterweise in seiner polnischen Heimat - „zur geistlichen Einheit des christlichen Europa“ aufgerufen hatte.

Und es waren die Päpstliche Lateran-Universität und die Katholische Universität der polnischen Stadt Lublin, die im November 1981 hervorragende Wissenschaftler Europas und außereuropäischer Länder nach Rom zu einem Symposion zusammengerufen hatten, unter dem Thema „Die gemeinsamen christlichen Wurzeln der europäischen Nationen.“

Die Erkenntnisse dieses Treffens waren ein neuer Entwurf zu einem großen Ideenprogramm. Doch war es auch schon ein neuer Anfang zu konkretem Denken, Handeln und Beten? Diese Frage werden wir Christen uns ernstlich zu stellen haben.

Rufen wir uns in diesen Vorbereitungstagen auf den Katholikentag die Kemsätze dieser römischen Begegnung in Erinnerung:

Europa ist ein Komplex von historisch, vor allem durch die Evangelisation, gewachsenen Nationen.

Durch diese hat Europa immer noch jenen Reichtum des Geistes, der Sittlichkeit, des Glaubens, der in sich birgt, was allen Menschen dieser Welt gemeinsam ist.

Die Einheit ganz Europas wird weithin als ständige gesellschaftliche Notwendigkeit, nicht nur in pragmatischen Vordergründigkeiten, empfunden.

Europa muß erkennen, daß es gerade heute eine Aufgabe an der ganzen Welt zu erfüllen hat.

In einem wahren Europa gibt es keine Trennlinien zwischen Ost und West, sondern nur eine Familie von Völkern, die in ihrer Verschiedenheit und Eigenständigkeit einander ergänzen.

Man hört und sieht hierzulande in der öffentlichen Meinung und im persönlichen Engagement kaum etwas von „Europa“. Sind wir Österreicher nicht zu sehr mit unserem „Insulaner-Dasein“ beschäftigt? Gerade wir Österreicher, die immer offen waren für andere Nationen, für andere Kulturen, für das Zusammenleben in übernationalen Ordnungen, sollten begabt und willens sein, die not-wendige und not-wendende Stunde für einen Zukunftsentwurf Europas zu begreifen.

Es ist richtig, daß auch anderswo auf diesem Kontinent von Zeit zu Zeit Stagnation, ja Resignation der europäischen Einigung gegenüber zu vermerken ist. Die aus genuin-christlichen Vorstellungen erwachsene Idee eines Adenauer, De Gasperi und Schumann, einst in den bitteren Nachkriegsjahren zum Durchbruch gebracht, scheint an Faszination zu verlieren. Ein nüchterner Realismus wird aber trotzdem Teilerfolge konstatieren dürfen. Seit 26 Jahren gibt es durch die Römischen Verträge die „Europäische Gemeinschaft“. Es gibt den „Europa-Rat“. Im Jahr 1979 wurden die ersten Direktwahlen der 434 Abgeordneten in das „Europa-Parlament“ von Straßburg durchgeführt. Wie immer man gerade dieses sieht, Tatsache ist, daß das Europa-Parlament immer wieder als Mahner und Wächter für die Freiheit und Würde der Menschen aufgetreten ist, daß es auch eine moralische Größe vor allem für die Menschenrechte darstellt. Der Christ unserer Tage endlich aber müßte vor allem anerkennen, daß durch das europäische Denken längst auch eine sichere Friedensordnung zwischen den Völkern Westeuropas entstanden ist. Die Stärkung und Weiterentwicklung dieser Bemühungen, der Institute von Straßburg, Brüssel und Luxemburg, bedeutet viel. Und - daß im Pluralismus der Meinungen und Ideen in ihnen das christliche Engagement ein starker Tragpfeiler ist, das ist ein Beweis dafür, daß der „Untergang des Abendlandes“ nicht stattfindet.

Dies alles ist aber nicht alles, kann und darf es für uns als Kirche nicht sein. Das Europa, nach dem wir suchen müssen, ist nicht allein ein politisch wirtschaftlicher Zweckverband eines Teil-Europas. Es ist das vielmehr jenes Europa, von dem es bei der Römischen Tagung hieß, daß es nicht Ost und West trennt, es ist das größere Europa, welches die westlichen und die slawischen Völker, ungeachtet der politischen Systeme, „in der einigenden Kraft des Christentums“ (Papst Johannes Paul II.) Zusammenleben läßt.

Ein Zeitalter, in dem man vermeinte, die Politik und der materielle Fortschritt würden an die Stelle der Religion treten, scheint überwunden. Der Philosoph Karl Jaspers stellte schon 1946 in Genf wörtlich die Frage: „Ist es das Versinken im Bewußtseinsverlust nach dem letzten Feuerwerk schon gehaltloser Intellektualität, oder ist schon die Springfeder europäischen Geistes am Werk, unser Leben neu emporschnellen zu lassen?“ Für uns als Christen dürfte das, was wir heute über Europa denken und für Europa tun, nur die „Springfeder des Geistes“ sein! Was Politik und praktische wirtschaftliche Integrationsbemühungen nicht tun können, ist unser Teil. Und das bedeutet, alles zu fühlen, zu denken und zu wollen, was dieses Europa vor dem Eintritt in das 21. Jahrhundert sein Innerstes, seine Seele, wiederfinden lassen kann.

Solches ist kein zurück zu einem Abendland, das zuletzt oft nur mehr Schein und Arroganz war. Solches Verhalten und Erstreben ist vielmehr ein Vorwärts, eine Renaissance aus den Wurzeln des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Ignorieren wir doch nicht jene Regenerationskraft, die eine tatsächliche geschichtliche Erfahrung der Kirche ist. Wir öffnen uns als Europäer der ganzen Welt gegenüber freier und wertbringender, wenn wir unsere eigene Identität aus den Verschüttungen hervorholen. Ein christliches Verständnis einer solchen Aufgabenstellung darf heute nicht mehr klassifizieren, etwa nach dem oft gehörten Schema: Das Eintreten für die „Dritte Welt“ sei „progressiv“ - das Engagement für Europa dagegen „konservativ“. Eine solche Schematisierung ist gegen die Zeit gerichtet, in der unsere katholische Kirche nicht mehr eine nur europäische Kirche ist Sie ist deutlich zur Weltkirche geworden. Unsere Aufgabe an der Welt werden wir jedoch besser, wissender und aus einem stärkeren Herzen erfüllen können, wenn wir europäische Einigung und Selbstfindung als christliche Aktualität begreifen.

Die Europa-Stunde auf dem Wiener Heldenplatz werden wir mit dem Papst feiern und seine Worte, gesprochen am 9. November 1982 in der Kathedrale von Santiago, sollten uns jetzt schon einstimmen:

„Ich, Bischof von Rom und Hirte der Weltkirche, rufe dem Jahrtausende alten Europa mit aller Kraft und in der Liebe zu: finde zu dir selber zurück, sei du selber. Entdecke deinen Ursprung, erneuere deine Wurzeln, lebe wieder die echten Werte, die deine Geschichte so ruhmreich gemacht haben, errichte wieder deine spirituelle Einheit in einem Klima uneingeschränkter Achtung vor den anderen Religionen und vor der wirklichen Freiheit.“

Sehen wir einen solchen Auftrag hinsichtlich seiner Wirkung nüchtern im gegenwärtigen Zustand des katholischen Lebens in Österreich, dann wird sich nach dem Katholikentag viel ändern müssen. Bedeuten solche Appelle etwa, daß wir Christen uns ein neues „Luftschloß“ bauen wollen oder „Eurovisionäre“ werden? Sicherlich nicht! Was der Katholikentag bringen soll, das muß aus christlichem Realismus, ja aus der Urrealität des Glaubens eine greifbare Hoffnungs- und Meinungsbewegung sein - für Europa.

Dr. Hanns Sassmann ist Generaldirektor des Styria Verlages

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