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Europa uuser

Europa heute ist zusammen zu sehen mit seinen beiden großen Tochter-Zivilisationen, die sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gebildet haben. Beide sind heute auch in Westeuropa präsent: wirtschaftlich, politisch, militärisch, wobei nicht zu übersehen ist, daß Teile Westeuropas dicht in das nordamerikanische Militär-Netz eingebaut, das nichtrussische Osteuropa ins sowjetische Militär-Netz gebunden ist. Diese beiden Tatsachen sind im Blick auf eine jederzeit mögliche große Konfrontation von allen Europäern zu würdigen: durch die Verantwortung, die sie mitzutragen haben.

Europa-Bewußtsein: es findet sich oft nicht gerade bei Angehörigen der westeuropäischen Nationen, die sich in ihrem „Europa der Vaterländer“ (Charles de Gaulle) einhausen, es findet sich bemerkenswert stark ausgebildet bei Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Kroaten, Serben.

In der ersten Nachkriegszeit verstand man in den USA und in Westeuropa vielfach „Europa“ als „den Westen“, der sich vom nichteuropäischen Osten, Osteuropa einschließend, scharf abhob. Die vielfachen wirtschaftlichen Verbindungen haben seither ebenso wie die politischen Auseinandersetzungen gezeigt, wie eng „die beiden Europa“, Westeuropa und Osteuropa, Zusammenhängen.

Europa unser: seit frühgeschichtlichen Zeiten ist dieses Europa ein Kontinent, in den sich wandernde Völker, oft von den Tiefen Asiens kommend, so die Magyaren, einhausen, einwurzeln. „Völkerwanderungen“, lange Zeit in der Form relativ sehr kleiner, zahlenmäßig kleiner Stämme und Volksgruppen - so sind die germanischen Stämme, die im Römischen Reich in einem vielhundertjährigen Prozeß einsickem, zahlenmäßig besehen, auf sehr kleine Verbände beschränkt, - machen Geschichte: sie werden in Europa assimiliert, sie werden eingeformt in die alten und neuen Konflikte, die Europa immer wieder zum Kriegsschauplatz machen. Der heutige Ost- West-Konflikt wächst aus dem zweitausendjährigen Ost-West-Konflikt zwischen der lateinischen und griechischen Hemisphäre Europas. Rom und Ost-Rom, Konstantinopel, stehen sich im spätrömischen Reich gegenüber, prägen verschiedene Zivilisationen, die ausgeformt und stark akzentuiert in ihrer Gegnerschaft die lateinische Kirche, das lateinische Europa und die griechische Kirche, das von ihr zivilisatorisch getragene Osteuropa formen.

Die Kreuzzüge der „Lateiner“, der „Franken“ (ein Name, der tief in Asien ebenso wie in Nahost bis heute der Name der „Europäer“ ist) werden von den Kaisern des oströmischen Reiches als Eroberungszüge in ihre Lande angesehen. Die Eroberung Konstantinopels durch die „Lateiner“ 1204, die Ausplünderung der reichsten, kulturreichsten Stadt Europas, wird in Rußland als erste „Notiz“ über Westeuropa bekannt. Folgenschwer bis zur Gegenwart. Russen suchen sich vom 12. zum 20. Jahrhundert in ungebrochener Kontinuität gegen den „kriegerischen Westen“ abzuschirmen, ‘gegen deutsche, schwedische, polnische Heere (polnische Besatzung in Moskau wird traumatisch erinnert). Vom 16. Jahrhundert an erwecken die Eroberungszüge der Zaren die Sorge, das Mißtrauen, dann die Angst ihrer lateinischen Anrainer. Die sowjetische Außenpolitik ist eine Tochter der zaristischen Außenpolitik, eine Enkelin der byzantinischen Außenpolitik dem „Westen“ gegenüber.

Im 12. Jahrhundert, im klassischen Jahrhundert, der Kreuzzüge (Papst Innozenz XI., der als größter Papst seines Jahrhunderts angesehen wird, versteht das Bündnis, das er zwischen dem polnischen König und dem Kaiser am Vorabend von 1683 zustandebringt, im Kontext eines europäischen Kreuzzuges) trägt Byzanz religiös fundierte „Gegenkreuzzüge“, die bis vor die Tore Wiens führen: durch Versuche, orthodoxe Klöster einzusiedeln, wobei dieser Ost-Mission in Westeuropa von „oben“ eine viel bedeutendere, geschichtsmächtigere Invasion von im Untergrund des byzantinischen Reiches gewachsenen religiösen Bewegungen zukommt, die mit den Katharern Westeuropa, vorzüglich Frankreich und Italien, aber auch bereits deutsche Lande, so am Rhein, erreichen.

Wer also Europa hier in Wien, in Österreich, heute bedenkt, sorgenvoll bedenkt, sollte sich an diese tausendjährige Kontinuität: Einwanderungen, permanenter „christlicher“ Ost-West-Konflikt, erinnern und dabei nicht aus dem Auge verlieren, daß mitten in diesen Invasionen, Kriegen, Bürgerkriegen, Europa nach außen und innen wächst. Der deutschen Ostwanderung, die bis Reval und Dopat (Tallin und Tartu) reicht, in Riga ein Kulturzentrum von hoher Vitalität bildet, korrespondiert der im 12. Jahrhundert beginnende Zug russischer Bauern, die mit unendlichen Mühen in Asien einwandem und eine kolonisatorische Leistung erbringen, die mit der westeuropäischen Expansion in beiden Amerika ein frühes Wachsen Europas in außereuropäische Lande, Kontinente trägt.

Der Strom von Flüchtlingen, der vom späten 19. Jahrhundert - Flucht der Juden vor den russischen, vor den ukrainischen Pogromen - bis zur Gegenwart führt, Flucht also in den Westen, nach Europa und Amerika, ist zusammen zu sehen mit den aus Westeuropa, vorzüglich aus deutschen Landen, kommenden Einwanderungen, die vorzüglich durch christliche Nonkonformisten getragen werden, Sekten, evangelische Reich-Gottes-Sucher im 18. und 19. Jahrhundert. Lenin ist der Sohn einer deutschstämmigen Mutter, spricht in der Erregung des Kampfes um seine Machtübernahme unwillkürlich deutsch. Kontinuität, oft übersehene Kontinuität der West- Ost-Bewegung: nach der Eroberung Englands durch die Normannen, die sich sehr rasch in Nordfrankreichs französischer Zivilisation eingeformt hatten, fliehen - vor ihren Grausamkeiten - angelsächsische Adelige bis nach Nowgorod und bis Konstantinopel. Nur eine Episode, im 11./12. Jahrhundert? Nein. West-Ost-Wanderungen und Ost-West-Wanderungen bilden, zusammen, dies Europa, in dem ein Preußen in engster Verbindung mit dem zaristischen Rußland seinen Aufstieg zu einer Führungsmacht erkämpft.

Hindenburg gibt Tuchatschewski die Hand. Tu- chatschewski: „Nach Konstantinopel müssen wir, ob mit dem Zarenadler, ob mit dem Sowjetstern, das ist mir gleich.“

Angst, große Angst vor den „Russen“, seit dem 18. Jahrhundert. Gleichzeitig arbeiten deutsche, holländische, schweizer, französische Ingenieure, Techniker, Architekten in Rußland, im Dienste zunächst des Zaren. Europa unser: es besitzt viele Väter und viele Mütter, die Europa zu einem Vaterland, zu einem Mutterland aus-tragen: in leidschwerem Schoß. Die Marienverehrung des europäischen Ostens, die große Muttergottes von Nowgorod, steht der Muttergottes der Marienburg gegenüber, die Muttergottes von Kiew der Muttergottes von Tschenstochau - durchaus gegnerisch. Erst in unserem 20. Jahrhundert mildert sich der Antagonismus zwischen „Lateinern“ und „Orthodoxen“, nachdem der mörderische Kampf in Westeuropa, zwischen dem römischen und dem evangelischen Europa, nicht mehr militärisch ausgetragen wird.

Europa: ein permanenter Bürgerkrieg. Europa: ein Krieg der Konfessionen, deren Erben andere militante Ideologien wurden. Europa: Mutter der Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Europa: ein Raum, in dem Friede wachsen kann- in dem Menschen heute heranwachsen, die Frieden geben, nicht Frieden (immer von den „anderen“) fordern wollen. Voraussetzung: daß immer mehr Menschen zunächst selbst Friedensräume werden, so wie es von Wien aus eine große Europäerin vorgelebt hat: Bertha von Suttner, die in den langen Jahren im Osten, in Georgien - der Heimat Stalins - erwachte: und aus einer, wie sie selbst bekennt, gedankenlosen, an den Kriegen uninteressierten, hochadeligen jungen Dame, vergnügungssüchtig, zu einer Kämpferin des Friedens wurde.

Dr. Friedrich Heer ist Historiker und Schriftsteller

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