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Europas Image wird nicht besser

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Die vergangene Woche war im Zusammenhang mit dem Krieg in Bosnien-Herzegowina wieder einmal geprägt von empörenden Informationen und einem nicht weniger empörenden Mangel an Reaktionen darauf.

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Die vergangene Woche war im Zusammenhang mit dem Krieg in Bosnien-Herzegowina wieder einmal geprägt von empörenden Informationen und einem nicht weniger empörenden Mangel an Reaktionen darauf.

Als Madame Danielle Mitterrand nach Belgrad zu Slobodan Milosevic fuhr, „in neuer humanitärer Mission”, wie sie sagte, um die Freilassung des schwer verletzten Oppositionsführers Vuk DrasSkoviö und seiner ebenfalls verletzten und in der Partei ihres Mannes (Srbska Parija Obnove/Ser-bische Erneuerungspartei) aktiv engagierten Frau, Danica, aus dem Gefängnis zu erwirken, ist sie abgeblitzt. „Staat und Justiz sind bei uns getrennt”, habe ihr Milosevic erklärt. Das Gericht entschied auf fortgesetzte Haft der beiden wegen , .Fluchtgefahr”, möglicher Beeinflussung der der Zeugen und Beunruhigung der Öffentlichkeit. Beide Antworten lassen an Zynismus nichts zu wünschen übrig.

DraSkovic blieb bei seinem Hungerstreik. Erst als offenbar die Gefahr bestand, daß er im Gefängnis sterben könnte, wurden er und seine Frau freigelassen. Jetzt sagte MiloSevic zur Erklärung: „Das Ansehen Serbiens hat durch diese Affäre Schaden genommen.”

Lord David Owen, einer der beiden internationalen Friedensverhandler, erklärte - ebenfalls vergangene Woche - die Moslems „müssen sich an den Gesprächen beteiligen... Stoltenberg und ich können nicht unbegrenzt hin und her reisen und im Namen der Moslems verhandeln.” Gleichzeitig gaben sie ihren bevorstehenden Besuch bei Slobodan MiloSevic in Belgrad und bei Franjo Tudjman in Zagreb bekannt.

Daß Owen und Stoltenberg mit anderen Worten ohne die Zustimmung der Moslems verhandeln, veranlaßt offenbar niemanden mehr zu einem kritischen Kommentar (siehe Seite 3).

Radovan Karadzic, Präsident der selbsternannten, mit brutalsten „ethnischen Säuberungen” geschaffenen „Serbischen Republik” innerhalb des international anerkannten - und im Stich gelassenen - Staates Bosnien-Herzegowina, hat der „internationalen Gemeinschaft” und den Moslems ein Ultimatum von 20 Tagen, beginnend am 6. Juli 1993, gestellt:

Er hoffe, daß die internationale Gemeinschaft innerhalb dieser Zeit eine definitive Antwort darauf geben könne, ob sich die Moslems für oder gegen den Krieg entschieden haben. Anderenfalls würden die Serben die Sache selbst in die Hand nehmen. Wenn die Moslems Krieg wollen, werden sie ihn bekommen. „Wir werden sie niederschmettern..., unfähig machen...”

Bei der gleichen Gelegenheit kündigte Karadzic die baldige Realisierung des Zusammenschlusses beider serbischen Republiken an, der bereits am 31. Oktober 1992 mit einem Referendum beschlossen worden war. Für Karadzic, den Sieger, existierte die „internationale Gemeinschaft” als Autorität nicht mehr.

Schließlich haben die „G-7” in Tokio eine Erklärung zu Bosnien-Herzegowina abgegeben, die staunen ließ. Denn diese Herren, die die materielle und politische Potenz der Welt repräsentieren, wissen offensichtlich nicht über die Realität des Themas Bescheid:

Wenn Serben und Kroaten auf gewaltsame Grenzänderungen, ethnischen Säuberungen und der Zerstückelung Bosniens bestünden, sagen sie, könnten sie keine Unterstützung für den Wiederaufbau erwarten! Owen und Stoltenberg hingegen bemühen sich mit aller Kraft nicht darum, eine Lösung zu finden, die den Interessen der serbischen und kroatischen Führung zuwiderläuft, sondern im Gegenteil darum, daß die Moslems einer Ghettoisierung zustimmen sollen, die die gewalttätige Zerstük-kelung Bosniens zementieren würde.

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