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Fälligkeit als Falle

Die Banken atmen auf: In Lateinamerika gibt es kein Schuldnerkartell. Wie lange? Über Auswege aus der Finanzkrise ein Gespräch mit dem stellvertretenden CA-Generaldirektor.

FURCHE: Wie kam es eigentlich zu der enormen Uberschuldung so vieler Länder?

GUIDO SCHMIDT-CHIARI: In den siebziger Jahren haben sich die Schuldenberge insbesondere von lateinamerikanischen Ländern allmählich aufgebaut. Die Gründe dafür sind bekannt: Anstieg der Erdöl- und zugleich Verfall der Preise der von diesen Ländern exportierten Güter, Inflation in den Industrieländern und somit Verteuerung der Importgüter. Alles ist gegen diese Ländergruppe gelaufen. Die steigenden Defizite der Leistungsbilanzen wurden durch Kapitalimporte ausgeglichen. Eine wesentliche Fehlentwicklung lag sicher darin, daß fast nur über Schulden und zu wenig über Direktbeteiligungen finanziert worden ist.

FURCHE: Jetzt sind die Länder also überschuldet und können die Kredite nicht bedienen. Man muß umschulden. Sind Umschul-dungsaktionen eine Lösung?

SCHMIDT-CHIARI: Als Posi-tivum muß man festhalten, daß die unmittelbare Krise abgewendet werden konnte. Obwohl alle Regierungen, Zentralbanken und die internationalen Organisationen ja Kenntnis von dem Ausmaß der Verschuldung hatten, kam der Ausbruch der Krise in Mexiko (1982) dennoch überraschend. Unter dem Druck der Verhältnisse war es möglich zu einer Lösung des unmittelbar anstehenden Problems zu kommen. In der Folge hat sich ähnliches bei anderen Ländern abgespielt. Das Zusammenwirken von Kommerzbanken, Regierungen und des internationalen Währungsfonds hat sich bewährt. Das ist sicher ein Erfolg.

FURCHE: Besteht bei so kurzfristigen Rettungsaktionen nicht die Gefahr, daß jedes Quartal, wenn Zahlungen fällig werden, neue Krisen ausbrechen?

SCHMIDT-CHIARI: Diese quartalsweise Betrachtung ergibt sich für die amerikanischen Banken aus dem amerikanischen System. Werden Kredite 90 Tage nicht bedient, so muß diesem Umstand in den Bilanzen Rechnung getragen werden. In den USA erkennt man jedoch, daß längerfristige Lösungen für dieses Problem gefunden werden müssen. Worin können die Lösungen bestehen? Es geht ja nicht darum, daß diese Länder ihre Schulden zurückzahlen.

FURCHE: Heißt das, daß man stillschweigend bereits auf die Rückzahlung verzichtet hat?

SCHMIDT-CHIARI: Nein, durchaus nicht. Nur müssen die Kredite sicher nicht kurzfristig zurückgezahlt werden. Das wichtigste Kriterium ist die Wiederherstellung der Kreditwürdigkeit. Kreditwürdig ist ein Land, das über genügend Reserven verfügt, vor allem aber auch über eine Leistungsbilanz, die es ihm erlaubt, fällige Zinsen und Tilgungsraten, teilweise durch Aufnahme neuer Kredite auf dem Markt, zu zahlen. Die Kreditwürdigkeit hängt natürlich auch noch von anderen politischen und sozialen Faktoren ab.

FURCHE: Sind die Schuldnerländer kreditwürdiger geworden ?

SCHMIDT-CHIARI: Die immer wieder auch recht hart kritisierten Programme des Währungsfonds zielen ja in diese Richtung. Kurzfristig führt das zu einer „austerity"-Politik (einer Politik der verordneten Sparsamkeit). Längerfristig soll damit aber ein gesünderes Wachstum sichergestellt werden. Die Erfolge sind in einigen Ländern rascher eingetreten, als man annehmen konnte; das gilt in erster Linie für Mexiko, aber auch für Brasilien. Damit werden zunächst Fehlentwicklungen korrigiert. Jetzt muß man versuchen, ein gewisses — schon wegen des Bevölkerungswachstums notwendiges — Wachstum zu erreichen.

FURCHE: Wie könnten nun solche längerfristige Lösungen aussehen?

SCHMIDT-CHIARI: Da es nicht befriedigend ist, in kurzen Abständen Umschuldungsver-handlungen zu führen, gilt es nach längerfristigen Lösungen Ausschau zu halten. Auf lange Sicht kann man als Ziel nur vorsehen, die Fälligkeit der Kredite zu erstrecken. Derzeit ist eindeutig zu viel kurzfristig finanziert. Es werden also längere Laufzeiten zu vereinbaren sein. Das zweite Problem ist der Zinssatz. In letzter Zeit wurden schon geringere Margen vereinbart. Das führt jedoch nicht unbedingt zu einem Sinken der Gesamtbelastung. Denn Zinssätze bestehen zuzüglich der Marge aus den von den Marktverhältnissen abhängigen Refinanzierungskosten. Die Dollar-Zinssätze werden stark von der amerikanischen Budgetpolitik beeinflußt. Auf ihre Änderung kann man nur hoffen, damit ein tieferes Zinsniveau erreicht werden kann.

FURCHE: Derzeit sieht es jedoch nicht nach einer solchen Änderung aus.

SCHMIDT-CHIARI: Ein anderer Ausweg bestünde in der Änderung der Währung. Vor allem in Lateinamerika sind die meisten Kredite in Dollars kontrahiert. Sie haben bezüglich der Zinssätze eine Anpassungsklausel und folgen damit dem Zinsniveau der USA. Ein Ausweg könnte nun darin bestehen, daß ein Teil der Kredite in europäische Währungen, die ja überwiegend ein deutlich tieferes Zinsniveau haben, umgeschuldet wird.

FURCHE: Müßte man nicht, um die Zahlungsfähigkeit der Dritten Welt zu erhöhen, die Preise ihrer Exporte, insbesondere der Rohstoffe, durch internationale Abkommen hinaufsetzen?

SCHMIDT-CHIARI: Solche Abkommen dienen meistens einer gewissen Stabilisierung. Ein höheres Preisniveau läßt sich aber erfahrungsgemäß nur sehr schwer erzwingen. Das hat sich sogar beim Erdöl gezeigt. Eine Preisanhebung mag zwar durchaus wünschenswert erscheinen, ihre Realisierung ist aber ungeheuer schwierig.

FURCHE: Und wie sieht es mit Österreichs Position aus?

SCHMIDT-CHIARI: Bei uns entfällt ein überdurchschnittlich hoher Anteil auf Exportfinanzierungen mit Haftung der Republik Österreich. Das bringt zwar für die Banken Erleichterung, ändert aber für das gesamte Land nichts. Die Nettoposition Lateinamerikas bei Österreichs Banken liegt bei etwa einem halben Prozent seiner gesamten Bankverschuldung. Als kleine Gläubiger müssen wir uns daher solidarisch mit den anderen Gläubigerbanken, allerdings nicht nur den amerikanischen, verhalten.

FURCHE: Und wie steht es mit den Ostblockschulden?

SCHMIDT-CHIARI: Dort haben wir eine relativ stärkere Gläubigerposition. Dem Ostblock war es aber in den letzten Jahren möglich, seine Verschuldung deutlich abzubauen.

FURCHE: Gilt das auch für Polen, wo Österreich stark engagiert ist?

SCHMIDT-CHIARI: Nein. Polen ist unter diesen Ländern ein Sonderfall. Aber selbst bei Polen war es nicht notwendig, per Saldo neues Geld zu geben. Das steht im Gegensatz zur Situation bei vielen anderen Schuldnerländern.

FURCHE: Wird es also weiter Umschuldungen geben?

SCHMIDT-CHIARI: Ja, es gab sie ja immer, nur nicht so häufig wie in den letzten Jahren. Dennoch sollte man die Entwicklung nicht in die ferne Zukunft fortschreiben. Wichtige Daten können sich rasch ändern. Erfindungsreichtum und Anpassungsfähigkeit von Mensch und Wirtschaft sind größer, als wir meistens annehmen.

Mit dem stellvertretenden Generaldirektor der Creditanstalt Guido Schmidt-Chiari sprach Christof Gaspari.

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