6913498-1981_17_10.jpg
Digital In Arbeit

Falsche Selbstverständlichkeiten

1945 1960 1980 2000 2020

Das fünfzigjährige Jubiläum des Österreichischen Pastoralinstituts, einer Einrichtung der österreichischen Bischofskonferenz zum Studium pastoraler Fragen der Kirche in Österreich, war am 8. April Anlaß einer Festveranstaltung in der Wiener Universität. In seinem Festvortrag ging Professor Rahner von der Notwendigkeit seelsorglicher Überlegungen für die Weltkirche auf dem Hintergrund profaner Zukunftsstrategien für die Weitaus und zählte Voraussetzungen für eine solche Strategie der Weltkirche auf. Wir zitieren im folgenden auszugsweise.

1945 1960 1980 2000 2020

Das fünfzigjährige Jubiläum des Österreichischen Pastoralinstituts, einer Einrichtung der österreichischen Bischofskonferenz zum Studium pastoraler Fragen der Kirche in Österreich, war am 8. April Anlaß einer Festveranstaltung in der Wiener Universität. In seinem Festvortrag ging Professor Rahner von der Notwendigkeit seelsorglicher Überlegungen für die Weltkirche auf dem Hintergrund profaner Zukunftsstrategien für die Weitaus und zählte Voraussetzungen für eine solche Strategie der Weltkirche auf. Wir zitieren im folgenden auszugsweise.

So meine ich, müßte eine eingehende Reflexion und Planung bezüglich des kirchlichen Bewußtseins, des konkreten Glaubensbewußtseins der Kirche unternommen werden. Die Differenz zwischen dem, was amtlich als Glaube der Kirche gelehrt wird, und dem, was faktisch vom Großteil des Kirchenvol- kps geglaubt wird, ist aus den verschiedensten Gründen, die hier jetzt nicht analysiert werden können, außerordentlich viel größer geworden, als das früher der Fall war.

Auch wenn es in der Kirche keine Steuerung des kollektiven Bewußtseins wie in den totalitären Staaten geben soll und geben kann, so ist der heute erforderliche Zusammenhang zwischen der kirchenamtlichen Lehre und dem faktischen an der Basis Geglaubten nicht mehr allein in genügender Weise mit den Mitteln zu verwirklichen, die früher dazu ausreichten. Heute genügen eben die Glaubenskongregation in ihrer derzeitigen Verfassung, die Enzykliken, die Ansprachen des Papstes in den traditionellen Formulierungen, die Hirtenbriefe mit ihrem traditionellen Tonfall und Inhalt, die übliche Predigt von den Kanzeln, die inhaltlich meist binnenkatholisch ist und viel zuwenig oder zu schüchtern das Ohr der Ungläubigen oder der Randkatholiken sucht, die Katechismen, die auch heute noch ebenso binnenchristlich sind wie früher, nicht mehr, um die wunderbare Botschaft des Christentums an die konkreten Menschen heranzutragen und so auch jene Kluft zu verkleinern zwischen dem amtlichen Glauben der Kirche und dem, was an christlicher Überzeugung wirklich in den Köpfen der Christen und im Wissen der Nichtkatholiken vorhanden ist.

Die heute notwendige Apologetik und Interpretation der christlichen Glaubenslehre durch die Theologen müßten vom Amt ermutigt und befördert werden; eventuell müßte das Amt doch wenigstens die Theologen auf unbearbeitete Fragen aufmerksam machen. Deren gibt es sehr viele; aber mir scheint, das Amt merkt dies meist noch später als die Theologen. Stecken zum Beispiel hinter der erschreckenden Abnahme der Beichtfrequenz nicht theologische Fragen vielfältiger Art, die vom Amt und den Theologen fast nur liegengelassen werden? '

Ein ganz anderer, aber wichtiger Fragenkomplex für eine wirkliche globale Strategie der Kirche ist in dem immer noch dunkel gebliebenen Verhältnis zwischen der Gesamtkirche und den großen regionalen Partikularkirchen gelegen. Das II. Vatikanische Konzil h't zwar feierlich erklärt, daß die Teilkirchen nicht nur Verwaltungsbezirke der einen homogen strukturierten Gesamtkirche seien, die sich bloß durch ein paar höchst sekundäre Nebensächlichkeiten unterscheiden könnten.

Aber im großen und ganzen ist es bei der Aussage dieses allgemeinen Prinzips geblieben. In Rom strebt man immer noch nach einem möglichst homogenen Kirchenrecht für die ganze Kirche.

Die Kirche hat sich weiters im II. Vatikanischen Konzil ausdrücklich und laut zu ihrer Weltverantwortung, zu ihrer Verantwortung für Friede und Gerechtigkeit in der Welt bekannt. Sie hat auch in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten gewiß nicht wenig getan, auch wenn manches, was vom höchsten Amt in der Kirche diesbezüglich erklärt und getan wurde, unten wieder durch Trägheit oder stillschweigenden Widerstand sabotiert wurde.

Aber könnte man sich nicht in der Christenheit diesbezüglich noch mehr und vor allem Konkreteres denken? Hat die Kirche heute den Mut, auch konkretere Forderungen für soziale Veränderungen, für den Frieden und Abrüstung zu erheben, auch wenn dann solche auf Ablehnung innerhalb der Kirche selbst, vor allem bei den Politikern stoßen?

Gibt es in Rom eine Stelle, die wirklich systematisch, genau und nicht nur von dem löblichen Wohlwollen dieser oder jener Amtsträger getragen, alle diese Fragen gründlich studiert und wirklich mutig auf konkrete Lösungen vorantreibt?

Ja, es scheint, daß der Mut hinsichtlich dieser Aufgabe in Rom trotz der Weltreisen des Papstes eher abnimmt als zunimmt und man in Rom eher ängstlich und nervös ist und eher in die Sakristei zurückpfeift, wenn die Christen in der Welt aktiv ihre gesellschaftskritische Aufgabe wahrzunehmen versuchen.

Als weitere Aufgabe möchte ich das Problem der globalen Diasporasituation der Kirche nennen. Praktisch arbeitet die Kirche meist doch noch unter der stillschweigenden Voraussetzung, es gäbe, wie vielleicht in Polen, mehr oder weniger intakte homogene katholische Christentümer gesellschaftlicher Art, wie es bis ins XX. Jahrhundert hinein der Fall war...

Diese Diaspora-Katholiken überall reden die Sprache ihrer Umgebung, die heidnisch ist. Wie muß dann die religiöse Sprache der Kirche sein, damit sie wirklich verstanden werden kann? Wel- ’ ches sind heute die Selbstverständlichkeiten existentieller Art, von denen man ausgehen muß, wenn man das Christentum verständlich und glaubwürdig machen will?

Kann die Kirche heute noch so ohne weiteres wie früher präsumieren, daß außerhalb und sogar innerhalb der Kirche bei sogenannten Ehen jener Ehewille am Anfang steht, der als Voraussetzung für eine wirklich unauflösliche ' Ehe notwendig ist? Müssen für eine konkrete kirchliche Bemühung um die

Sittlichkeit nicht die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen der verschiedenen Kulturkreise mehr und unbefangener berücksichtigt und einkalkuliert werden als früher, da die abendländisch-christliche Moral unverändert in die Missionsländer exportiert wurde?

Wenn nun einmal wie in allen Zeiten die christliche Moral der Kirche auch heute gewisse Schwerpunkte setzt und setzen darf, ohne andere Prinzipien deshalb abzuschaffen oder zu leugnen, dann könnte es ja beispielsweise so sein, daß die Verwerfung einer irrsinnig werdenden Aufrüstung für das moralische Durchschnittsbewußtsein der profani- sierten Welt ein wichtigeres Merkmal der christlichen Moral ist als die Ablehnung der Pille.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau