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Familienpastoral ohne Heile-Welt-Romantik

Wenn dieser Tage die Vertreter der diöze-sanen Familienwerke, und -referate bei der Herbstkonferenz des Katholischen Familienwerkes Österreichs darüber beraten haben, wie die in ihrem Wirkungsbereich besonders vordringlichen Probleme -solche, die bisher noch nicht oder unzureichend angegangen wurden - verstärkt gesehen werden können, so war das kein sehr spektakulärer Schwerpunkt zum „Jahr der Familie“, aber einer der wichtigsten.

Denn heutige Familienpa-storal beschwört weder Verhaltensmuster überholter Art noch überlegt sie sich Hilfen für die Familien, die in der bloßen Theorie steckenbleiben.

Heutige Familienpastoral stärkt die in sich gefestigten Familien (die aber auch Krisen, Spannungen und Konflikte durchmachen müssen), setzt sich jedoch in immer stärkerem Maße mit der Stellung der Frau, den Problemen alleinerziehender Mütter oder Väter und mit den Schwierigkeiten der von' Scheidung bedrohten oder bereits betroffenen Ehepaare auseinander. Abgesehen von den Ehe-,

Familien- und Lebensberatungsstellen (die Kirche hat davon 42 in ganz Österreich), wo in besonderem Maße Zuwendung und Hilfe im Gespräch angeboten werden, gibt es in verschiedenen Diözesen im Rahmen der Erwachsenenbildung Gruppen für alleinerziehende Mütter, Wochenendtreffen für Geschiedene und dergleichen mehr.

Sicher steht dieses Bemühen um die in Krise und Scheidung geratenen Ehen, um Menschen, die an ihrer

Familiensituation zu zerbrechen drohen, erst am Beginn. Sicher brauchen wir dafür noch konkretere Überlegungen für die Arbeit in den Gruppen und Runden an der Basis (Pfarrgemeinde).

Das betrifft vor allem die Integration Geschiedener oder der Alleinerzieher in bestehende Familienrundeh. Sie sollen ja nicht aus einer Ghettosituation (nicht beachtet oder abgelehnt) in eine andere Ghettosituation (Separatgruppen für „Scheidungskrüppel“) geraten.

Das „Jahr der Familie“ hat meiner Meinung nach nicht nur Kongresse, Studientagungen und Untersuchungen anzubieten, sondern dient vor allem der realistischen Einschätzung der Situation unserer Familien und Ehen, die keineswegs alle zerfallen, wegen geänderter Erziehungsleitbilder und einem neuen Verständnis von Partnerschaft jedoch oft auf die Stütze und Hilfe eines Dritten angewiesen sind.

Den Überlegungen, wie dies geschehen soll, ist brei-

ter Raum zu widmen - ohne jede Heile-Welt-Romantik. Bei den Verantwortlichen der katholischen Familienarbeit ist diese auch nicht zu finden.

Aufgabe einer an der Realität orientierten Familienpastoral heute und in Zukunft ist es, sich den Menschen und den sich aus ihrem Familienleben beziehungsweise dem partnerschaftlichen Zusammenleben innerhalb und außerhalb der Ehe ergebenden Fragen helfend zu nähern.

Dazu bedarf es der Fähigkeit des Zuhörens, der Schlichtheit im Auftreten und einer sehr einfachen Güte, die Angst nimmt und Hoffnung weckt - Haltungen des Christen von heute, die so sehr gefragt sind, weil sie ein Mittragen der Last des anderen erst ermöglichen.

Auf diese Weise kann das „Christliche“, kann „die Kirche“ für viele Menschen besser erlebbar werden - nicht nur als eine moralische Instanz, sondern als ein Zeichen der Hoffnung und des Heils.

Staatsverdrossenheit

Solschenizyn, der für manche schon unbequeme Mahner, weist auf das Uberhandnehmen rechtlicher Regelungen in der westlichen Welt hin und stellt zugleich fest, daß damit sicherlich auch die Qualität der Gesetze darunter leide. Für Österreich trifft dies im besonderen Maß zu. So mußte z. B. das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG) im Laufe von 23 Jahren 33mal novelliert werden. Besonders in den letzten Jahren der sozialistischen Parlamentsmehrheit fand in Österreich geradezu eine Explosion in der Gesetzesproduktion statt.

Die Bundesgesetze, welche der Nationalrat 1977 beschlossen hat, füllen 4501 Seiten der Bundesgesetzblätter. Dazu kommen noch die Landesgesetze, in Wien z. B. 1977 allein 153 Seiten, das sind im Jahr zwischen 45.000 und 50.000 neue Paragraphen (oder deren Zitierung bei Novellierungen). Zusätzlich kommt noch eine Lawine von Verordnungen der Ministerien, die ohne weiteres nicht zu erfassen ist.

Wie soll sich da der Normalbürger noch zurechtfinden? Der Staat macht es sich ja leicht, indem er im 2 ABGB festlegt: „Sobald ein Gesetz gehörig kundgemacht worden ist, kann sich niemand damit entschuldigen, daß ihm dasselbe nicht bekannt geworden sei.“ Hier wird der Staatsbürger weit überfordert, und es ist sicherlich darin auch einer der Gründe für die sich anbahnende Staatsverdrossenheit zu finden.

Prof. Dr. Winfried Bauneis, 1120 Wien

Neue FURCHE-Töne?

Beim Lesen der Nummer 43 erstand in mir die heimliche Frage: Sind das die „neuen Töne“, welche der neue Chefredakteur Feichtlbauer, den ich von den „Salzburger Nachrichten“ her noch in weniger guter Erinnerung habe, anschlägt -nämlich, daß der Interviewer einen Kardinal oder Bischof ohne jede Anrede anspricht? Es war stets üblich, einen Kardinal mit „Eminenz“ und einen Bischof mit „Exzellenz“ anzusprechen. Dies dürfte wohl der FURCHE als Zeitung mit Niveau nicht unbekannt sein! Wenn man auch heute die beiden obigen Anreden nicht mehr gerne gebraucht, so könnte man doch einen Kardinal oder Bischof mit „Herr Kardinal“ oder „Herr Bischof anreden, dies wäre doch das geringste Maß des Anstandest

Auch hat mir sehr mißfallen, was

Frau Weinzierl vor einigen Wochen in der FURCHE von sich gegeben hat, nämlich daß den Papst das Volk wählen soll. Da kann man nur sagen: „Si tacuisses .. .“Diese Frau muß ja auch immer ihren ausgefallenen Senf auf alle Würstel geben, denn sonst wäre sie ja nicht interessant!

P. Berthold Ernst Flachberger, Stiftsorganist, Salzburg-St. Peter

Sie können sicher sein, daß FUR-CHE-Redakteure wissen, wie man Bi-

schöfe anredet. Aber persönliche Gesprächsanreden finden ü blicherweise keinen Niederschlag in einem geschriebenen Interview, das bei allen Persönlichkeiten einschließlich des Kardinals oder des Bundespräsidenten auf die Verwendung von Ehrentiteln in der Wiedergabe verzichtet. Wichtiger als ein Titel ist freilich die Wahrheit. Niemals hat Frau Prof. Weinzierl verlangt, daß „den Papst das Volk wählen soll“. Sie schlug lediglich vor, daß „der oder die obersten internationalen Laienvertreter“ ins Konklave einbezogen werden sollten.

Enttäuschung

Eine Grazer Parteizeitung hat zum Nationalfeiertag nicht das Gemeinsame, sondern das Trennende, nicht Versöhnung und Verzeihen, sondern Streit, Vorwürfe und eigene Überheblichkeit in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen gestellt. Darin vermögen viele junge Menschen keinen Sinn zu erkennen.

Junge Menschen wollen das Miteinander und Füreinander, nicht das Gegeneinander. Junge Menschen wollen das Heute und Morgen, nicht das ewig Gestrige. Junge Menschen wollen Frieden und nicht Streit!

Zum Frieden aber gehört untrennbar Gesinnung und Verantwortung.

Silvia Kreuzwirth stud. phil., Graz

Kardinal Wojtyla war in Niederösterreich!

Der 22. und 23. Juni 1978 war für Gaubitsch ein besonderer Feiertag. Der Erzbischof von Krakow, Karol Kardinal Wojtyla, war zu einem privaten Besuch bei uns. Ich war zehn Jahre hindurch sein Mitarbeiter im Ordinariat Krakow als Religionsunterrichtsinspektor. Dort habe ich seinen Lebensstil gut kennengelernt.

1972 wurde ich nach Österreich geschickt, die katechetischen Methoden und Religionsschulbücher zu studieren und wenn möglich, auch etwas zu schreiben. Das Buch „Lesestücke für den katholischen Religionsunterricht“ ist bereits in Polen in einem Verlag. Ich habe das große Wohlwollen des Wiener Ordinariats gefunden und dafür bin ich sehr dankbar. Auf diese Art und Weise wurde ich Lokalprovisor von Gaubitsch.

Bei einem Treffen mit Kardinal Karol Wojtyla in Krakow, (auch Gaubit-scher waren dabei) haben wir den

Erzbischof eingeladen, uns in Nie-derösterreich zu besuchen. Er hat versprochen und Wort gehalten ...

Nach dem Besuch chauffierten zwei Burschen aus Gaubitsch, die Jugendführer Hansi Schmidl und Hansi Hartmann, den hohen Gast nach Krakow. Einer von ihnen erzählte:

„... Auf der langen Fahrt nach Krakow hatten wir bald herrlichen Kontakt und der Kardinal hatte überhaupt nichts dagegen, als ich moderne Musik spielte. Er war sehr gesprächig ... In Polen wurden wir ausgezeichnet untergebracht und bewirtet... für mich war es ein echtes Erlebnis, daß ich den heutigen Papst chauffieren durfte.“

Eine Einzelheit möchte ich doch hinzufügen: Er kann ruhig und geduldig zuhören. Sehr oft kamen zu ihm die Leute mit sehr schweren Problemen. Laien und Priester. Er konnte fünf, sechs, zehn Minuten ruhig zuhören. Er schaute freundlich in die Augen des Gesprächspartners. Das ermutigte. Dann hatte er die fertige Diagnose: Schau! Wir werden es so und so machen! Das und jenes muß man vermeiden! Auf das muß man verzichten. Immer war „Wir“ so viel wie „Ich, dein Bischof, und du. Ich werde dir helfen ...“

In Polen beteten die Leute vor der 1000-Jahr-Feier des Christentums Polen, beteten während der Großen Novene in Jasna Gora in Czesto-chowa für den Papst und für die Kirche - jahrelang hindurch, jeden Tag eine andere Pfarrgemeinde. Wäre das nicht auch in Österreich möglich, bei verschiedenen religiösen Anlässen, Wallfahrten usw., ein Gesätzchen des hL Rosenkranzes für den Papst Johannes Paul II. zu beten?!

Dr. Boleslaw Sadus, Pfarrer, 2154 Unterstinkenbrunn, Gaubitsch I

Die Argumentation von Univ.-Prof. Ernst Hellbling in der letzten FURCHE, wonach „die Erfahrung des täglichen Lebens“ die These widerlege, daß im Betrieb angestellte nahe Angehörige eines Unternehmers immer dessen Interessen und nicht die der Arbeitnehmer im Auge hätten, reizte die ,^.rbeiter-Zeitung“ zu einer Gegenfrage: „Welches tägliche Leben lebt Herr Hellbling?“

Inzwischen dürfte da wie dort so mancher mit der Frage in sich gegangen sein, ob er noch wüßte, wie das Volk lebt, denkt, handelt. Solcherart wird dem Ergebnis der Volksabstimmung über Zwenten-dorfnoch lange und gründlich und von vielen Gesichtspunkten her nachzuspüren sein. Die FURCHE wird dieser Thematik in den nächsten Wochen eine verstärkte Aufmerksamkeit schenken.

Heute dominiert das Thema „60 Jahre Republik“ verschiedene Ressorts. Die FURCHE steht fest und klar und ohne Vorbehalt auf dem Boden der republikanischen Verfassung. Aber es schien uns sinnvoll, zu diesem Tag auch einen Autor zu Wort kommen zu lassen, der sich in demokratischer Freiheit zu seiner monarchistischen Uberzeugung bekennt (Erich Thanner auf Seite 5).

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