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Fasten - eine moderne Form der Befreiung

Vor uns liegt die Fastenzeit. Es bietet sich daher an. Gedanken zum Thema Fasten anzustellen. Im Gespräch mit meiner Frau waren wir uns allerdings kürzlich nicht im klaren darüber, welcher Aspekt heute überwiegt: Ist Fasten nicht - wie so vieles andere auch - in den letzten Jahren total zerredet worden?

Oder aber handelt es sich da um ein Anliegen, für das der heutige Mensch überhaupt keine Antenne mehr hat? Fasten, verzichten, enthaltsam sein, etwas nicht tun, was durchaus getan werden könnte - wozu eigentlich?

Ich habe den Eindruck, daß beides zutrifft. Es wird zu viel geredet

und zu wenig getan. Wer fastet denn heute aus der tiefen Überzeugung, daß solches Tun sinnvoll ist? Die meisten von uns haben sich doch ein Leben eingerichtet, das in ausgefahrenen Bahnen dahinrollt: abhängig von einer Fülle von Außenbedingungen. deren Wegfall wir als Katastrophe erleben würden.

Wir sind doch weitgehend vom Überfluß abhängig geworden: die üppigen Mahlzeiten (wir essen heute zweimal soviel Fleisch wie die Österreicher im Jahr 1938), das tägliche Bier, die tägliche oberflächliche Lektüre (immer mehr Klatsch in Boulevardzeilungen, kaum mehr Bücher), stundenlanges Fernsehen (Krimis, Werbung, noch eine Show, Abfahrtslauf. Fußballspiel…), die Wochenendfahrt zum Zweitwohnsitz, der übervolle Kleiderkasten (,,Wohin nur mit all den Sachen?!”), der voll elektrifizierte Haushalt (elektrisches Messer, elektrisches Massagegerät, elektrische Zahnbürste)…. Die Liste ließe sich beliebig forsetzen.

Unser Leben ist reichlich kompliziert geworden. Wir fühlen uns in vielem abhängig. Ich merke aber an mir und an Freunden, mit denen ich darüber rede, daß uns tief im Inneren diese Abhängigkeit bedrückt. Sie macht uns unsicher und traurig. Die unfrohen Gesichter in den Straßen unserer Großstädte legen Zeugnis für diese Grundhaltung der Unzufriedenheit ab.

Sind wir nicht alle schrecklich unfrei geworden? Von unseren Verpflichtungen. unserem Standard in den verschiedensten Bereichen gefangen? Die Vorstellung, unsere Wirtschaft könnte in Zukunft weniger rasch wachsen, treibt den Politikern den Angstschweiß auf die Stirne! Wäre es da nicht ein befreiendes Erlebnis zu erfahren, daß wir viele der „selbstverständlichen” Dinge gar nicht unbedingt brauchen?

Gerade deswegen wäre fasten so aktuell. In einer Zeit der Not Enthaltsamkeit zu predigen, hat den Beigeschmack des fanatischen As- ketentums. ln unserer Zeit des Über

flusses allerdings sollten wir uns die herrliche Erfahrung gönnen, daß wir von vielem frei sind, frei sein könnten!

Man würde zur eigenen Überraschung feststellen, daß man eine ganze Weile ohne Zigaretten und Alkohol, ohne täglichen (stündlichen) Nachrichtenblock und Schlagzeile, ohne oberflächliches Geplapper und schlechte Nachrede über Mitarbeiter, ohne, ohne… auskommt. Plötzlich stellt man fest, daß es eine Wohltat ist. ohne Auto ins Büro zu fahren.

A llerdings habe ich die Erfahrung gemacht, daß es nicht der heroische Entschluß zu einmaliger Überwin-

dung ist (etwa heute esse ich nichts), der mir weilerhilft. Vielmehr geht es um eine Grundhaltung.

Um wirklich befreiend zu wirken, muß das Fasten in unser ganzes Leben eingeordnet werden. Es wird nämlich leicht zum Selbstzweck. Die Versuchung dazu ist erfahrungsgemäß sehr groß. Wie oft bin ich nach einem Fasttag voll Erwartung auf die Waage gestiegen, begierig. den Erfolg meiner Beherrschung in Kilo und Deka ablesen zu können!

Damit fasten nicht zum Selbstzweck wird, ist es wichtig, nicht nur danach zu fragen, wovon es uns befreit (so wertvoll dieses Motiv auch für den ersten A nlauf ist). Vor allem muß ich mich der Frage stellen, wofür es mich frei machen soll. Die Antwort darauf ist entscheidend.

Mein Freund Sepp hat mir vor kurzem gesagt, daß er folgendes begriffen habe: Fasten sei ein notwendiges äußeres Zeichen für seine innere Umkehr. Fasten, das uns erfüllt, steht also mit einer Änderung der inneren Haltung in Beziehung. Wir beginnen zu ahnen, daß unser Leben andere Schwerpunkte haben könnte.

Wofür also fasten? Um die neugewonnene Freiheit für die Mitmenschen und für Gott einzusetzen. In dieser Hinwendung finden wir erfüllte Freude.

Konkret bedeutet das: Wenn ich einen materiellen Verzicht leiste, will ich mir überlegen, wie ich die gewonnenen Mittel sinnvoll für andere einsetze, ganz konkret; wenn ich weniger wichtige Aktivitäten einschränke, will ich die gewonnene Zeit bewußt jemandem schenken (mit meinen Kindern spielen, jemanden besuchen. Zeiten des stillen Gebets pflegen, einen Brief schreiben): wenn ich auf meine kleinen Sorgen verzichte und auf den Ärger, der so leicht hochkommt, will ich mit jemandem meine Freude teilen.

Das ist sicher kein allgemeingültiges Rezept. Solche gibt es auch nicht. Aber in dieser Richtung könnten Bemühungen sinnvoll sein. Nicht nur in der Fastenzeit.

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