Befremdliches Selbstbild

ORF wie wir. Das stand dezent auf Inseraten, die formatfüllend Julia Schmuck und Tobias Pötzelsberger zeigten – als Fragesteller der „Sommergespräche 2022“. Wer die Radiojournalistin (nachvollziehbar) und den ZIB1-Präsentator (unwahrscheinlich) nicht erkannte, fand die Namen auch fettgedruckt auf diesen Einschaltungen fürs Einschalten. Und darunter, in zarterer Typografie als das übergeordnete Duo, die einzige Variable der Anzeigen: Name und Partei des Gastes für das jeweilige Interview. Schmuck und Pötzelsberger haben die Übung befriedigend bewältigt, ihre Gespräche mit Herbert Kickl, Pamela RendiWagner und Karl Nehammer (vor der endgültigen Datengewichtung in dieser Reihenfolge) werden nach Quotenkriterien unter den Top 15 des seit 1981 bestehenden Formats landen. In der vorläufigen Abrechnung hatten sie zwischen 747.000 und 780.000 Live-Zuschauer. Talks wie Inszenierung waren unaufregend solid. Doch die eingangs beschriebene Bewerbung, für die Schmuck und Pötzelsberger nichts können, ist ein Indiz für das Selbstbild des ORF. Er steht zwar nicht über allem, aber er stellt sich so dar. Ganz abgesehen von der Unhöflichkeit, einen – aus Publikumsperspektive den wahrscheinlich wichtigsten – Teilnehmer des Gesprächs nicht ins Bild zu nehmen, ist es maßlose Überschätzung, die Moderation statt den Gast für die Zugnummer der Sendung zu halten. Genau das aber suggeriert die Annonce. Stimmt schon: Das verdient keine besondere Aufregung, weil von Absichtslosigkeit auszugehen ist. Routine infolge eines insgesamt erfolgreichen Starprinzips. Sein größtes Risiko liegt im Zurücktreten des „Was?“ hinter das „Wer?“ – wie in der Politik. Diese Parallele ist bedrohlich für den Journalismus. So wie das Sommergespräche-Inserat gefährlich für das öffentlich-rechtliche Unternehmen ist, falls es seinem Selbstbild entspricht. ORF wie ihr?

Der Autor ist Medienberater und Politikanalyst.

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