„Bruder Hitlers“ Verdrängung

Den größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts als Bruder zu bezeichnen, blieb dem deutschen Dichter Thomas Mann vorbehalten. „Bruder Hitler“ ist der Titel eines von ihm in der Emigration 1938 verfassten Essays.

Mann bezeichnete den Diktator als „Katastrophe“, seinen Charakter jedoch als interessant. Er bezog sich dabei auf Hitlers Scheitern als Lehrling, vor allem aber auf den von der Akademie abgewiesenen Maler, also auf die Impotenz des gescheiterten Künstlers. Hitler als Virus einer Seuche, die in unserem Inneren verborgen ist und jederzeit wieder ausbrechen kann. Die Symptome sind Revanche-Gefühle all jenen gegenüber, die für das eigene Scheitern verantwortlich sein könnten; die begabter, gebildeter und erfolgreicher sind. Heute bedeutet das, mehr denn je, eine ganze Portion Wut und Aggression, die sich in noch nie dagewesener Heimtücke, Brutalität und Grausamkeit aus der ­digitalen Welt in das Verhalten der Menschen überträgt. Schon lange nicht war unser bisher ­scheinbar so abgesichertes Leben so voller Unsicherheit wie jetzt. ­Sicher ist nur, dass auf gut österreichische Art verdrängt wird. Neuestes Beispiel dafür ist das Geburtshaus Hitlers in Braunau. Da ist es schon fatal, dass dieses Monster ausgerechnet in ­Österreich auf die Welt kam; Mama Hitler hätte wirklich im nahen Deutschland gebären können; und nicht in einem Haus in Braunau, das immer noch so dasteht und nicht weggedacht werden kann.

Der neueste Plan sieht vor, es in jenem baulichen Zustand der Zeit vor Hitlers Geburt zu rekonstruieren und es so zu „neutralisieren“. Dagegen gibt es jetzt zahlreiche, berechtigte Proteste. Dass künftig in dem Haus eine Polizeistation einziehen soll, wird das Problem auch nicht lösen. „Bruder Hitler“ ist noch lange nicht bewältigt.

Der Autor ist freier Journalist.

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