In den Zeiten dieser Nationalratswahl sprudelt so ziemlich alles, was in den Kammern unserer österreichischen Seelenlandschaft verdrängt wurde, ungehemmt heraus. Die Schranken des Anstands und der gegenseitigen Achtung werden wie von einem Wirbelwind hinweggefegt. Von Eigenschaften wie Selbstzweifeln oder serviler Zurückhaltung ist nichts mehr zu spüren. Einige unserer Volksvertreterinnen und vor allem Vertreter dürften sich in die Nachkriegszeit zurückversetzt fühlen, in der einander am Heumarkt Catcher wie Schurli Blemenschütz ihr legendäres „Ohrenreiberl“ verpassten. Das Comeback der Schurlis ist bereits voll im Gang: allerdings in neuem Gewande. Das heißt ohne Schmäh und jeden nur leisesten Anflug von Fairness und Humor.

Heute ist Schluss mit lustig. Die Medien bieten die Manege, in der unsere Politiker aneinandergeraten. Die Themen geraten dabei ebenso in den Hintergrund wie demokratisches Verhalten und Verständnis. Da geht es nur noch darum, den anderen höchst persönlich herunterzumachen, bloßzustellen und – sei es mit echten oder vermeintlichen Fakten – fertigzumachen. Eine Volksbelustigung sind diese unappetitlichen Ringkämpfe nicht. Schon eher eine Schule für Mobbing, wie es nicht nur in großen Firmen, sondern auch in Schulen immer häufiger betrieben wird. Die Wunden, die dabei geschlagen werden, heilen nur langsam.

Die freigesetzten Ängste übertragen sich nur allzu schnell wie eine Seuche. Der Psychiater Erwin Ringel hat vor solch einem vergifteten Klima gewarnt: „Jeder fürchtet jeden, hält ihn für einen Konkurrenten, einen potenziellen Feind; man beobachtet einander misstrauisch, stellt gleichsam schon weit draußen, im Vorfeld der Begegnung, Horchposten aus; jedes Gerücht über angeblich böse Absichten des anderen, und sei es noch so abstrus, wird geglaubt.“ Wollen wir wirklich so leben? Wäre es nicht, wie der österreichische Dichter Franz Theodor Czokor forderte, „unsere wichtigste Aufgabe, den Menschen vor sich selbst zu schützen“?

Der Autor ist freier Journalist.

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