Die mafiöse, türkise Partei hat es geschafft, dass sich die Österreich-Satire erübrigt und ein neues literarisches Genre, nämlich die „erzählende Faktenlage“, als Roman entsteht. Nachdem Literatur die groteske Wirklichkeit der Polit-Korruptis nicht einzuholen vermag, könnte sie sich auf ihr Kerngeschäft der Imagination zurückziehen. Oder soll sie Ziele des Aufmerksamkeitsmanagements optimieren und tagespolitischgerecht schrill in Erscheinung treten? Jedenfalls sei vor Identifikation mit realen Gegebenheiten und Personen gewarnt! Man sollte nie das Wissen außer Acht lassen nicht ein anderer zu sein, während man ein anderer ist. Sonst ist die Grenze zur Aneignung überschritten. Das neue deutsche Buchpreis-Haupt hat sich darin gehörig vergriffen, als es sich mit geknüppelten Frauen identifizierend in Szene setzte und sich eine Glatze verpasste. Die in Schach gehaltenen, auf ihr Frausein reduzierten und durch die iranische Theokratie erniedrigten Geschöpfe müssen sich bis zu ihrem Verschwinden aus dem Alltag verkleiden und werden für eine sichtbare Haarlocke verfolgt und massakriert. Respekt liegt darin, diese Leiderfahrungen nicht mit der eigenen zu vergleichen und sich den Widerstand der Verfolgten nicht anzueignen. Identifizierung ist immer übergriffig und letztlich kolonialistisch. Die Anmaßung, Widerstand als selbstüberlebte Leiderfahrung auszugeben, entspricht dem Nutznießen, das sich mit fremden Federn schmückt. Es ist eitel und feig, die Opfer eigennützig ein weiteres Mal zu missbrauchen. Es geht auch nicht an, eigene Gewalterfahrung als mitgefühliges Verständnis anderen überzustülpen. Genau diese Grenzen zu wahren, die Klüfte auszuleuchten, ist die Aufgabe der Literatur. Vielleicht vermag die Literarizität des gekrönten deutschen Buchpreisbuches diesen von ihm erhobenen Anspruch auch zu erfüllen.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

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