Federspiel

Das London der Pest: Maß für Maß

1945 1960 1980 2000 2020

Die Autorin Daniela Strigl über das London der Pest und die neuen Covid-19-Maßnahmen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Autorin Daniela Strigl über das London der Pest und die neuen Covid-19-Maßnahmen.

In Daniel Defoes „Journal of the Plague Year“ (1722), deutsch „Die Pest in London“, gibt der Ich-Erzähler den Maßnahmenkatalog wieder, mit dem der Londoner Magistrat der Epidemie des Jahres 1665 Einhalt zu gebieten suchte, darunter die „Verordnungen über liederliche Personen und unnütze Versammlungen“. Unter letztere fallen „alle Unterhaltungsspiele, Bärenhetzen, Geldspiele, jedes Balladensingen“, aber auch alles „öffentliche Schwelgen“, die „Schmausereien in Wirtshäusern, Bierschenken und anderen Vergnügungsstätten“ und das „liederliche Zechen“ nach neun Uhr, weshalb Theater, Tanzsäle und Schnapsschenken geschlossen wurden.

Von Bibliotheken ist bei Defoe ebenso wenig die Rede wie von Bordellen, dafür aber in der neuesten Covid-19-Notmaßnahmenverordnung des Gesundheitsministers, was, namentlich wegen der unziemlichen Nachbarschaft, die Generaldirektorin der ÖNB erboste. Sie möchte ihre Institution begreiflicherweise nicht als Ort der „Unterhaltung, der Belustigung und der Erholung“ neben „Schaustellerbetrieben“, Zoos, Paintballanlagen und dem horizontalen Gewerbe eingeordnet sehen, sind Bibliotheken doch „Orte des Studiums, des Forschens und des konzentrierten Lernens“. Gut, es gab einmal ein recht geselliges Treiben, Kaffeetrinken und Tratschen in der ÖNB-Lounge, an das der für jene Formulierung verantwortliche „Witzbold“ (Rachinger) sich womöglich erinnert. Aber jetzt ergeht es den Büchermenschen halt wie den übrigen „Kulturverliebten“ (der Bundeskanzler). Nicht alle werden sich darüber grämen, dass die kommerziellen Vorweihnachtsfreuden heuer auf ein adventliches Ausmaß beschränkt werden. Der Fortschritt ist nicht zu leugnen: Im London der Pest tötete man von Amts wegen zigtausende Hunde und Katzen, und der Lockdown war wörtlich zu nehmen – die Kranken wurden mit ihren Familien in ihre Häuser gesperrt.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.