Der schlafende Bernhard

1945 1960 1980 2000 2020

Landschaft geht immer in die Literatur ein. Auch umgekehrt.

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Landschaft geht immer in die Literatur ein. Auch umgekehrt.

Nicht ganz erfundene Menschen, Orte und Ereignisse kommen in Sagen vor. Ich hatte ein Dutzend literarischer Welten und das Match gegen Italien im Kopf, als ich das Seminar verließ, um mich im Traunsee davon reinzuwaschen. Ich parkte. Es war Vormittag, die Hitze beträchtlich, der Blick auf den See verplankt. Kreischen und Plätschern waren übertönt vom Lärm der stark befahrenen Straße – Verkehr, als befände ich mich auf der Pariser Périphérique. Ohlsdorf war nicht weit und Gosau und Ebensee, wo ich einst zum Konzentrationslager recherchiert hatte. Ich überholte einen Passanten. Eine Flagge als Handtuch trug er um die Lenden geschlungen. Er warnte vor der Schlange an der Badekasse. Öffnete eine Tür in der Planke. Sonst seien alle Tore geschlossen. Oder verschossen, setzte er nach. Berge übten auf mich keinen Reiz aus. Der See zog mich an. Eine Nixe soll in seinen Tiefen bestattet sein und die Gebirgsformation am Ufer sei nach ihrem Porträt von einem Riesen gemeißelt worden. Die Geschichte erzählt von der Liebe eines ungleichen Paares, von der Unmöglichkeit, einander der Einsamkeit zu entreißen. Der Riese kapierte nicht, dass er ein Riese war und so erbaute er das Schloss Orth für seine zarte Geliebte. Wie schrecklich dann diese Erkenntnis: in das errichtete Lebenswerk nicht hineinzupassen! Landschaft geht immer in die Literatur ein. Auch umgekehrt. Ich schwamm durch das Nixenreich, durch „wunschloses Unglück“ auf das strotzende „Ja“ der Selbstbehauptung einer Felswand zu. Der Grabfels der Nixe war hier auch „die schlafende Griechin“ genannt. Ich sah die „Perserin“ darin, eine Bernhardsche Hauptperson, bevor sich der aufragende Erlakogel in eine Kartoffelnase umwandelte und das Profil des Schriftstellers herausbildete. In diesem Massiv aß ich mit dem Wassermann und sagte zu Mittag: Erzähl mir nix, bitte!

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