Federspiel

Die Ehre der Palatschinke

1945 1960 1980 2000 2020

Über gastronomische Grenzerfahrungen schreibt diese Woche Daniela Strigl diese Woche im Federspiel.

1945 1960 1980 2000 2020

Über gastronomische Grenzerfahrungen schreibt diese Woche Daniela Strigl diese Woche im Federspiel.

Darüber, dass die Palatschinke zum unveräußerlichen Kulturerbe Österreichs gehört, herrscht vermutlich allgemeiner Konsens. Obwohl – zuletzt schien mir diese Bastion nationalen kulinarischen Selbstverständnisses merklich erschüttert. In einer südsteirischen Gaststätte wurde mir eine Palatschinke serviert, die schmeckbar nicht aus der Pfanne, sondern aus der Mikrowelle oder dem Backrohr den Weg auf meinen Teller gefunden hatte. Als ich der Kellnerin gegenüber mutmaßte, die Palatschinke sei nicht frisch gewesen, sagte sie den dreisten Satz: Aber von heute war sie schon!

Die zweite gastronomische Grenzerfahrung bescherte mir ein Restaurant im schönen Steyr. Da schickte jüngst in einer literarischen Runde die Bestellerin ihre Palatschinke nach Verkostung als kalt zurück, mit der Bitte, ihr eine neue zuzubereiten. Nach verdächtig kurzer Spanne erschien die Kellnerin mit einem Teller und bejahte die Frage, ob das wohl ein frisch produziertes Exemplar sei. Man stelle sich die Verblüffung der Reklamierenden vor, als sie auf dem hübsch zuckerbestäubten Pfannküchlein die exakte Schnittstelle ihrer Kostprobenentnahme wiedererkennt. Da ist es mit der Contenance der für ihren sonnigen Gleichmut bekannten Kollegin vorbei, sie springt in heller Empörung auf, ruft etwas von der „Ehre des Kochs“ und stürmt mit dem Corpus Delicti zum Chef, dessen Angebot einer tätigen Reue sie – Strafe muss sein – umgehend ablehnt.

Angesichts des doppelten Palatschinkendesasters in ansonsten ambitionierten Wirtshausküchen frage ich mich, wie es um die heilige Tradition der böhmischen Mehlspeis bestellt ist. Glaubt man wirklich, dass die Gäste Altbackenes nicht als solches erschmecken? Dass sie gar das aufgrund einer Sonderbehandlung verstümmelte Antlitz ihrer eigenen Palatschinke nicht wiederzuerkennen in der Lage sind? Auf dem Feld der Kunst ist Faulheit Frevel.

Die Autorin ist Germanistin & Literaturkritikerin.

Darüber, dass die Palatschinke zum unveräußerlichen Kulturerbe Österreichs gehört, herrscht vermutlich allgemeiner Konsens. Obwohl – zuletzt schien mir diese Bastion nationalen kulinarischen Selbstverständnisses merklich erschüttert. In einer südsteirischen Gaststätte wurde mir eine Palatschinke serviert, die schmeckbar nicht aus der Pfanne, sondern aus der Mikrowelle oder dem Backrohr den Weg auf meinen Teller gefunden hatte. Als ich der Kellnerin gegenüber mutmaßte, die Palatschinke sei nicht frisch gewesen, sagte sie den dreisten Satz: Aber von heute war sie schon!

Die zweite gastronomische Grenzerfahrung bescherte mir ein Restaurant im schönen Steyr. Da schickte jüngst in einer literarischen Runde die Bestellerin ihre Palatschinke nach Verkostung als kalt zurück, mit der Bitte, ihr eine neue zuzubereiten. Nach verdächtig kurzer Spanne erschien die Kellnerin mit einem Teller und bejahte die Frage, ob das wohl ein frisch produziertes Exemplar sei. Man stelle sich die Verblüffung der Reklamierenden vor, als sie auf dem hübsch zuckerbestäubten Pfannküchlein die exakte Schnittstelle ihrer Kostprobenentnahme wiedererkennt. Da ist es mit der Contenance der für ihren sonnigen Gleichmut bekannten Kollegin vorbei, sie springt in heller Empörung auf, ruft etwas von der „Ehre des Kochs“ und stürmt mit dem Corpus Delicti zum Chef, dessen Angebot einer tätigen Reue sie – Strafe muss sein – umgehend ablehnt.

Angesichts des doppelten Palatschinkendesasters in ansonsten ambitionierten Wirtshausküchen frage ich mich, wie es um die heilige Tradition der böhmischen Mehlspeis bestellt ist. Glaubt man wirklich, dass die Gäste Altbackenes nicht als solches erschmecken? Dass sie gar das aufgrund einer Sonderbehandlung verstümmelte Antlitz ihrer eigenen Palatschinke nicht wiederzuerkennen in der Lage sind? Auf dem Feld der Kunst ist Faulheit Frevel.

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