Die Infras

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Wisser über die Rückkehr des vorauseilenden Pessimismus.

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Wisser über die Rückkehr des vorauseilenden Pessimismus.

Als mein Bruder mich vor Jahren zu einem Fußballmatch des Wiener Sport-Club mitnahm, war ich von der Stimmung fasziniert. Hier die auf der Friedhofstribüne stehenden Fans, dort die älteren Anhänger auf der Sitztribüne. Mein allererster Eindruck war das Gespräch zweier älterer Herren. Der eine sagte: „Ja, grüß dich. Du bist auch da!“ Der andere achselzuckend: „Na ja, ich bin Sport-Club-Fan. Was soll man machen?“ Fans mit dieser Begeisterung sind keine Ultras, um die man auf der Straße einen weiten Bogen macht. Nein, dieser Herr muss zu den Infras gehört haben, einer Fangruppe, die mit radikalem Fatalismus und vorauseilendem Pessimismus gegen die eigene Neigung vorgeht.

Als ich Ende der 1980er Jahre nach Wien kam, machten die Infras einen Großteil der Bevölkerung aus. Sie waren Kellner in Cafés, bedienten in Geschäften, saßen in Parks auf Bänken, und die Welt war für sie eine einzige Störung. Heute ist es schwer vorstellbar, dass das nervige, hemdsärmelige Yuppietum der 1990er Jahre, das Aufkommen eines Zeitalters, in dem jede und jeder ohne Unterbrechung im Stress war, einmal eine Gegenkultur gewesen sein muss. Die Häufigkeit des Wortes Stress, das es bis Ende der 1960er Jahre gar nicht gegeben hatte, verfünffachte sich zwischen 1986 und 2000.

Doch die Zeiten, in denen sogar zusammengebrochene Parkbänke wie börsenotierte Wirtschaftsbetriebe geführt werden mussten, scheinen heute wieder vorbei zu sein. Die Infras haben das Land zurückerobert. Mit ihrem „Was soll man machen?“ führen sie die Welt, Europa, unser Land, ihren Fußballklub, ihr eigenes Zuhause und letztlich sich selbst ins Nirwana; allerdings nicht in das erlösende buddhistische Nirwana, sondern in ein hoffnungsloses Nichts, gegen das sie auch wieder nichts tun können. Hoffentlich erkennen sie nie, dass sie ein Teil des Ganzen sind, dass sie sich — mit einem Wort — selbst auf die Nerven gehen.

Der Autor ist Schriftsteller.

Als mein Bruder mich vor Jahren zu einem Fußballmatch des Wiener Sport-Club mitnahm, war ich von der Stimmung fasziniert. Hier die auf der Friedhofstribüne stehenden Fans, dort die älteren Anhänger auf der Sitztribüne. Mein allererster Eindruck war das Gespräch zweier älterer Herren. Der eine sagte: „Ja, grüß dich. Du bist auch da!“ Der andere achselzuckend: „Na ja, ich bin Sport-Club-Fan. Was soll man machen?“ Fans mit dieser Begeisterung sind keine Ultras, um die man auf der Straße einen weiten Bogen macht. Nein, dieser Herr muss zu den Infras gehört haben, einer Fangruppe, die mit radikalem Fatalismus und vorauseilendem Pessimismus gegen die eigene Neigung vorgeht.

Als ich Ende der 1980er Jahre nach Wien kam, machten die Infras einen Großteil der Bevölkerung aus. Sie waren Kellner in Cafés, bedienten in Geschäften, saßen in Parks auf Bänken, und die Welt war für sie eine einzige Störung. Heute ist es schwer vorstellbar, dass das nervige, hemdsärmelige Yuppietum der 1990er Jahre, das Aufkommen eines Zeitalters, in dem jede und jeder ohne Unterbrechung im Stress war, einmal eine Gegenkultur gewesen sein muss. Die Häufigkeit des Wortes Stress, das es bis Ende der 1960er Jahre gar nicht gegeben hatte, verfünffachte sich zwischen 1986 und 2000.

Doch die Zeiten, in denen sogar zusammengebrochene Parkbänke wie börsenotierte Wirtschaftsbetriebe geführt werden mussten, scheinen heute wieder vorbei zu sein. Die Infras haben das Land zurückerobert. Mit ihrem „Was soll man machen?“ führen sie die Welt, Europa, unser Land, ihren Fußballklub, ihr eigenes Zuhause und letztlich sich selbst ins Nirwana; allerdings nicht in das erlösende buddhistische Nirwana, sondern in ein hoffnungsloses Nichts, gegen das sie auch wieder nichts tun können. Hoffentlich erkennen sie nie, dass sie ein Teil des Ganzen sind, dass sie sich — mit einem Wort — selbst auf die Nerven gehen.

Der Autor ist Schriftsteller.

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