Die Ungnade des Jahrestags

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Biografen und Biografinnen arbeiten sich immer wieder an biografischen Details von Kant und anderen geistigen Größen ab. Eine vergebene Chance, sagt Daniel Wisser.

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Biografen und Biografinnen arbeiten sich immer wieder an biografischen Details von Kant und anderen geistigen Größen ab. Eine vergebene Chance, sagt Daniel Wisser.

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Jähren sich Geburtstage oder Todestage, gibt es keine Schreibkrisen mehr. Feuilletons und Büchertische sind voll mit entsprechenden Artikeln und Literatur, wie wir gerade im Fall von Immanuel Kant und Franz Kafka feststellen mussten. Freilich wären beide auch interessant, wenn sie nicht gerade vor 300 Jahren geboren und vor hundert Jahren gestorben wären. Wir lassen aber die anlassbezogene Beschäftigung als Kultur durchgehen, denn wir sind ja heute so froh, wenn irgendjemand noch irgendetwas liest.

Schwieriger wird es, wenn man sich, anstatt dem Werk der Jubilare, den anlassbezogenen jüngsten Publikationen über sie widmet. Im Fall von Immanuel Kant sind das durchgehend sich am Biografismus abarbeitende, zufällig zur rechten Zeit fertig gewordene Sachbücher. Was ihre Sache ist, ist bei vielen allerdings unklar. Es sind fast ausschließlich philosophie-entfernte und philosophie-leere Bücher. Freilich, dieser und jener Promi hat auch etwas zu sagen, allerdings nicht viel und schon gar nichts Neues.

Das ist schade, denn gerade Kant böte in Zeiten schwächelnder Demokratien sehr wohl Anlass, seine moralische Überlegungen und seinen Rechtsbegriff für gegenwärtige Diskurse heranzuziehen. Interessant ist etwa, dass Hans Kelsen, Architekt der Österreichischen Bundesverfassung und wichtiger Rechtstheoretiker in der Gründungsphase der Vereinten Nationen, sich wesentlich auf den Philosophen bezog. So schreiben Michael Hardt und Toni Negri in „Empire“: Kelsen ging es, in der Tradition Kants, um eine Vollendung des Rechtsbegriffs. Das Recht würde „Organisation der Menschheit und damit eins mit der höchsten sittlichen Idee“. Kant nach seinem Werk und nicht nach seinem ereignisarmen Tagesablauf zu beurteilen, wäre zumindest wünschenswert.

Der Autor ist Schriftsteller.

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