Ein Leben lang

1945 1960 1980 2000 2020

Lydia Mischkulnig sinniert über eine eigenwillige bibliophile Begegnung in ihrem Heimatort Velden.

1945 1960 1980 2000 2020

Lydia Mischkulnig sinniert über eine eigenwillige bibliophile Begegnung in ihrem Heimatort Velden.

Finde ich den Stein des Anstoßes? Ich stand vor der Auslage der Bibliothek. In Velden aufgewachsen betrachtete ich die Ankündigung meiner baldigen Lesung. Ich trug dasselbe Kleid, dieselbe Frisur wie auf dem Foto, war unverwechselbar. Die Tür stand offen und ganz begeistert von diesem Ort, trat ich ein.

Sogleich wurde ich gefragt, ob ich ein Herz für Bücher hätte. O ja, antwortete ich. Wo einst die Kurverwaltung residierte, war nun eine zentrale Dienstleistung für Bildung untergebracht. Die Bücher brächten den Geist nach Velden zurück. Der Kommerz samt Spaßkultur führe nur in den Untergang. Das biologisch angebaute Gemüse für die nachhaltige Gastronomie würde von meinen Verwandten geliefert. Die Frauen musterten mich verwundert über die Verve, mit der ich über Geist und Erdäpfel sprach. Ich outete mich nicht als Autorin, denn sie berichteten von sich und von ihrer Privatinitiative. Die Liebe zu den Büchern hatte sie blind für die Autorin gemacht. Die Damen betonten, dass die Bibliotheksschiene eine Frauensache sei. Wunderbar und dringend notwendig! Ob ich eine Eintragung ins Gästebuch machen wolle? Gern, sagte ich, mich wirklich geeignet dafür haltend. Sie öffneten ein Heft mit kleinkariertem Papier. Das Deckblatt war noch leer, war reserviert für einführende Worte. Eine andere Seite wurde aufgeschlagen und mein Plädoyer auf die Pflege zeitgenössischer Literatur fand Platz. Ich unterschrieb. Die Damen beugten sich über den Eintrag. Ich fühlte mich wie unter Verdacht geraten. Im Fenster hing das Portrait von mir. Ob sie meine Unterschrift entzifferten? Hoffentlich war sie leserlich.

Das Unbehagen trieb mich hinaus auf den Karawankenplatz. Dort stolperte ich über den Gedenkstein mit der treudeutschen Aufschrift „bis hierher und nicht weiter kamen die serbischen Reiter“. So war ich an die immer noch präsente Demarkationslinie Kärntens gestoßen.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

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