Federspiel

Eine wahre Gegebenheit

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt Sekunden im Leben, in denen sich alles für immer verändert. Ich habe sie bisher überlebt. Die Zeit innezuhalten ist nun gekommen. Wie mache ich weiter? Zu Hause miaut die Katze. Noch nie hat sie die Wohnung verlassen. Fressen und nicht gefressen werden, ist die über sie verhängte Devise.

Da kommt der Bus. Ich habe keine Münzen für den Fahrschein dabei. Die Tür geht auf und ich springe von der Hitze in den gekühlten Innenraum, pralle gegen Passagiere. Zwei Bettler meiner Gasse. Sie haben struppige Haare, viel zu warme schäbige Westen an, kaum Zähne im Mund und schmutzige Fingernägel wie falsche Oligarchen. Ich erkenne sie sofort, denn ich schau immer weg, wenn ich sie sehe. Kommen Sie nur, Madame, sagen sie jetzt in die Schrecksekunde. Ich schlucke, stelle mich hin, teile mit ihnen die Haltestange. Ich streife nicht an, mache freundliche Nasenlöcher. Niemand stinkt.

Der Chauffeur nimmt nur kurz Notiz. Wenn jetzt ein Kontrolleur einstiege, hätte er drei Fliegen auf einen Schlag. Ich erröte, denn woher weiß ich, dass die Bettler auch Schwarzfahrer sind. Wie peinlich es wäre, wenn die beiden auf der Seite des Rechts stünden und ich, die ich ihnen nie etwas gebe, als Illegale hervorgehe. Ich spiele eine den Vorschriften entsprechende Passagierin der Verkehrsbetriebe. Schau ganz professionell aus dem Fenster in die Hitze der Gasse. Ich will nicht, dass sie wissen, wo ich wohne. Bei der nächsten Station müsste ich raus, oder ich riskiere, dass ein Kontrolleur zusteigt. Ich habe die Wahl. Die Tür geht auf. Zum Glück steigen die Bettler aus. Jetzt ist wieder alles egal. Das Blut schießt mir in die Wangen, als die Bettler sich auch noch höflich verabschiedend die Augenhöhe verlassen. Auf der Gasse humpeln sie unter der Last ihrer Rolle, niedergeschlagen in der Hitze. Beim ersten Flaneur halten sie die Hand auf. Geben oder nicht geben, das ist hier die Frage. Mit diesem Text verdienen sie ihre Gage.

Die Autorin ist Schriftstellerin

Es gibt Sekunden im Leben, in denen sich alles für immer verändert. Ich habe sie bisher überlebt. Die Zeit innezuhalten ist nun gekommen. Wie mache ich weiter? Zu Hause miaut die Katze. Noch nie hat sie die Wohnung verlassen. Fressen und nicht gefressen werden, ist die über sie verhängte Devise.

Da kommt der Bus. Ich habe keine Münzen für den Fahrschein dabei. Die Tür geht auf und ich springe von der Hitze in den gekühlten Innenraum, pralle gegen Passagiere. Zwei Bettler meiner Gasse. Sie haben struppige Haare, viel zu warme schäbige Westen an, kaum Zähne im Mund und schmutzige Fingernägel wie falsche Oligarchen. Ich erkenne sie sofort, denn ich schau immer weg, wenn ich sie sehe. Kommen Sie nur, Madame, sagen sie jetzt in die Schrecksekunde. Ich schlucke, stelle mich hin, teile mit ihnen die Haltestange. Ich streife nicht an, mache freundliche Nasenlöcher. Niemand stinkt.

Der Chauffeur nimmt nur kurz Notiz. Wenn jetzt ein Kontrolleur einstiege, hätte er drei Fliegen auf einen Schlag. Ich erröte, denn woher weiß ich, dass die Bettler auch Schwarzfahrer sind. Wie peinlich es wäre, wenn die beiden auf der Seite des Rechts stünden und ich, die ich ihnen nie etwas gebe, als Illegale hervorgehe. Ich spiele eine den Vorschriften entsprechende Passagierin der Verkehrsbetriebe. Schau ganz professionell aus dem Fenster in die Hitze der Gasse. Ich will nicht, dass sie wissen, wo ich wohne. Bei der nächsten Station müsste ich raus, oder ich riskiere, dass ein Kontrolleur zusteigt. Ich habe die Wahl. Die Tür geht auf. Zum Glück steigen die Bettler aus. Jetzt ist wieder alles egal. Das Blut schießt mir in die Wangen, als die Bettler sich auch noch höflich verabschiedend die Augenhöhe verlassen. Auf der Gasse humpeln sie unter der Last ihrer Rolle, niedergeschlagen in der Hitze. Beim ersten Flaneur halten sie die Hand auf. Geben oder nicht geben, das ist hier die Frage. Mit diesem Text verdienen sie ihre Gage.

Die Autorin ist Schriftstellerin