Entsexen

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Lydia Mischkulnig über Werbung und Krieg.

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Lydia Mischkulnig über Werbung und Krieg.

Eine Hoffnung geht durch die Welt: der Friede. Er ist kein Mann. Er ist keine Frau. Er ist kein Niemand. Er ist aus frischer Luft, gesunder Mobilität, ein Softie, trägt die entfleischte Nahrungskette um den Hals, hinterlässt als ökologischen Fußabdruck pulsierende Herzen. Vergewaltiger, noch unter Drogen, ernüchtern und werden schlapp. Die Verwendung des Mannes als Waffe hat ein Ende, und es bleibt der Wunsch, ein Indianer zu werden, mit einem Pferd zwischen den Schenkeln in der Prärie. Freiheit als Friedensfantasie. Die Prostata und das Karzinom erinnern aber an eine gottverdammte Männlichkeit, von der andere keine Ahnung haben. Außer das Werbe-TV zum Hauptabendprogramm: Zwei fesche Greise gestehen einander, dass es nicht mehr so klappt mit dem Appendix zwischen den Beinen, renitent und inkontinent. Der Verlust erotischer Macht wird im höheren Alter bedauert, obwohl in Wirklichkeit diese Probleme viel früher beginnen. Eine Sprache der verschämten Anspielung. Das Thema der versiegenden Potenz betrifft das interessierte ORF-Publikum des Hauptabendprogramms. Die feilgebotene Abhilfe, Sahnesteif in Tabletten wird gereicht. Arzt oder Apotheker informieren über unerwünschte Nebenwirkungen. Die Apothekerin meines Vertrauens unterdrückt den Rat, statt sich Sex abzunötigen, mal ins Kino oder spazieren zu gehen. Im Werbespot erklärt die Frau eines alten Mannes, Erfüllungsgehilfin des Marktes, wo­rum es ihr und ihm geht. Der Mann schläft verschwommen im Hintergrund, und die junge Frau hält die Packung des Potenzmittels demonstrativ in die Kamera. Sie schüttelt die Schachtel wie eine Rassel und flötet: Gleich macht es endlich wieder Spaß mit ihm! ORF-Werbung um halb acht.

Wenige Sekunden später ertönt die Signation der „ZiB“. Ein UNO-Arzt fordert das Ende sexueller Gewalt. Entfleischte Kriege gibt es nicht. Werbung ist Krieg.

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