Hamburg: Zuckersüße Pfeffersäcke

In Daniel Wissers jüngstem Roman „Wir bleiben noch“ findet sich eine Szene in einer Wiener Straßenbahn: Eine alte Dame ruft angesichts von drei Männern, die keine Anstalten machen, ihr einen Sitzplatz zu überlassen: „Gibt es denn heutzutage keine Kavaliere mehr?“ Worauf einer von ihnen meint: „Kavaliere gibt es schon noch, gnädige Frau, aber leider zu wenig Sitzplätze.“

Vielleicht war es diese hinterfotzige Spielart Wiener Kavaliertums, die mich während eines bahnstreikbedingt ausgedehnten Aufenthalts in Hamburg die hanseatische Höflichkeit schätzen ­lehrte. Überall in dieser Stadt, so schien mir, pflegt man einen manierlichen, ja liebenswürdigen Umgang miteinander. In der S-Bahn-Station rief ein Fahrgast einem alten Mann, dem er über eine Stufe geholfen hatte, noch nach: „Und passen Sie auf sich auf!“ Das Servierpersonal exekutierte die diversen Corona-Prüfungen geradezu mit Zartgefühl. Und in der Toilette einer Konditorei stand auf einem handgeschriebenen Zettel neben dem Waschbecken: „Ihr Lieben, seid so lieb und dreht den Hahn fest zu!“ Es mag schon sein, dass der Hamburger seine noblen Manieren mit einem Hang zur Distanzwahrung gegen ortsfremde Inte­grationswillige paart. Aber im öffentlichen Nahverkehr ist es schon viel wert, wenn es einigermaßen zivilisiert zugeht, da muss ich mich nicht unbedingt mit wem auch immer verbrüdern. Einen kleinen Rückschlag in der Entwicklung meiner Hanseophilie bescherte mir die Begegnung mit einem Busfahrer, der, als ich von ihm zwei Tageskarten begehrte, fragte: „Warum?“

Eine solche Antwort hätte ich nicht einmal von einem seiner für ihre Ruppigkeit berüchtigten Berliner Berufskollegen erwartet. Auf mein Stottern erklärte mir der Mann jedoch, dass eine Gruppenkarte ja viel billiger (70 Cents) sei. Menschenfreundlichkeit gepaart mit merkantilem Geist.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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