In der Korrekturanstalt

1945 1960 1980 2000 2020

„Das gehört sich nicht!“ taugt als Einwand weder gegen Satire noch gegen Kunst, meint Daniela Strigl.

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„Das gehört sich nicht!“ taugt als Einwand weder gegen Satire noch gegen Kunst, meint Daniela Strigl.

In einer (lobenden) Rezension des zeitgenössischen Schnitzler-Pastiches „Reigen Reloaded“ moniert die Autorin, einige der Beiträge würden „üble Sexismen“ „reproduzieren“, es sei verwunderlich, dass der „Machtmissbrauch unter dem Deckmantel der Sexualität unkommentiert“ bleibe. Gut, aber das ist nun einmal das Wesen der Literatur: Sie „reproduziert“ den mangelhaften Zustand der Welt und macht ihn so sichtbar. Gute Literatur zeigt alles und kommentiert nichts. Und gute Satire ist dabei auch noch polemisch, sie beleidigt den guten Geschmack und ihre Opfer, indem sie die Beleidigung kenntlich macht, die durch sie an der Allgemeinheit geschehen ist. Wer sich früher am Bild der Heiligen Familie vergriff, um das Unheilige der Gegenwart bloßzustellen, galt als blasphemisch, wer es heute tut, gilt als sexistisch. „Unter dem Deckmantel der Sexualität“, welch intrikates Bild, wird ein Eigentliches vermutet, das die Zensur rechtfertigen soll, die früher im Zeichen katholisch verfemter Unanständigkeit passierte.

„Das gehört sich nicht!“ taugt als Einwand weder gegen Satire noch gegen Kunst. Und der moralische Impetus verwandelt sich in sein Gegenteil, wo es um historische Flurbereinigung geht. In der aktuellen Burgtheater-Inszenierung von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ darf der Nazi Erich sich nicht, von „Negern“ sprechend, als Nazi entblößen, darf die braun getönte Trafikantin nicht schlecht von „den Juden“ reden. Rassismus darf es nie gegeben haben? „Aufgeklärte“ Literaturwissenschafter verlangen, Nikolaus Lenaus Gedicht „Die drei Zigeuner“ müsse mit einer Punze rassistischer Begrifflichkeit versehen werden, und übertragen so das verinnerlichte Kon­strukt eines ethnischen Rassismus auf die Zeit der Romantik, in der der Zigeuner als stereotypes Wunsch- und Gegenbild zum Philister figurierte. Nabelschau macht blind.

In einer (lobenden) Rezension des zeitgenössischen Schnitzler-Pastiches „Reigen Reloaded“ moniert die Autorin, einige der Beiträge würden „üble Sexismen“ „reproduzieren“, es sei verwunderlich, dass der „Machtmissbrauch unter dem Deckmantel der Sexualität unkommentiert“ bleibe. Gut, aber das ist nun einmal das Wesen der Literatur: Sie „reproduziert“ den mangelhaften Zustand der Welt und macht ihn so sichtbar. Gute Literatur zeigt alles und kommentiert nichts. Und gute Satire ist dabei auch noch polemisch, sie beleidigt den guten Geschmack und ihre Opfer, indem sie die Beleidigung kenntlich macht, die durch sie an der Allgemeinheit geschehen ist. Wer sich früher am Bild der Heiligen Familie vergriff, um das Unheilige der Gegenwart bloßzustellen, galt als blasphemisch, wer es heute tut, gilt als sexistisch. „Unter dem Deckmantel der Sexualität“, welch intrikates Bild, wird ein Eigentliches vermutet, das die Zensur rechtfertigen soll, die früher im Zeichen katholisch verfemter Unanständigkeit passierte.

„Das gehört sich nicht!“ taugt als Einwand weder gegen Satire noch gegen Kunst. Und der moralische Impetus verwandelt sich in sein Gegenteil, wo es um historische Flurbereinigung geht. In der aktuellen Burgtheater-Inszenierung von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ darf der Nazi Erich sich nicht, von „Negern“ sprechend, als Nazi entblößen, darf die braun getönte Trafikantin nicht schlecht von „den Juden“ reden. Rassismus darf es nie gegeben haben? „Aufgeklärte“ Literaturwissenschafter verlangen, Nikolaus Lenaus Gedicht „Die drei Zigeuner“ müsse mit einer Punze rassistischer Begrifflichkeit versehen werden, und übertragen so das verinnerlichte Kon­strukt eines ethnischen Rassismus auf die Zeit der Romantik, in der der Zigeuner als stereotypes Wunsch- und Gegenbild zum Philister figurierte. Nabelschau macht blind.

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