Jeder ist ein Mörder

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Wisser beobachtet einen Christbaumentsorgungsplatz und bekommt Ideen für eine siebenstaffelige Streamingserie.

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Daniel Wisser beobachtet einen Christbaumentsorgungsplatz und bekommt Ideen für eine siebenstaffelige Streamingserie.

Zu den faszinierendsten Orten gehören die Christbaumentsorgungsplätze der MA4. Unweit meiner Wohnung befindet sich neben den Altglas-, Biomüll-, Plastik- und Metallcontainern ein solcher. Am liebsten hätte ich eine Live-Cam im Web, dann würde ich ihn von meinem Arbeitsplatz aus rund um die Uhr anschauen. Da es keine gibt, gehe ich täglich dort vorbei, bleibe stehen und betrachte den Haufen entsorgter Bäume. Ich denke an eine Liedzeile, die ich als Kind nicht verstanden habe. Als spräch’ er: wollt in mir erkennen getreuer Hoffnung stilles Bild.

Vielleicht verstehe ich diese Zeile auch mit fünfzig noch nicht. Vielleicht will sie sagen, dass die Bäume, wenn sie sprechen könnten, von ihren Vorbesitzern erzählen würden. Das wäre Stoff für eine siebenstaffelige Streamingserie. Der erste Baum wurde am 23. Dezember entsorgt. Das Drama dahinter würde die erste Staffel, die noch vor dem Heiligen Abend spielt, ordentlich anheizen. Eine der aktuellen Serien, die viele nach Silvester gegen den Vorsatz, keine Serien mehr zu schauen, eingetauscht haben, heißt „Stay Close“ (ins Deutsche akkurat mit „Wer einmal lügt“ übertragen). Darin geht es um eine Frau, die früher in einer Kleinstadt Stripperin war, dann aber untergetaucht ist und 200 Meter entfernt von ihrem vorigen Wohnsitz ein neues Leben unter neuem Namen begonnen hat. Sie hat einen Mann und drei Kinder und führt ein beschauliches Leben, bis sie entdeckt, dass nicht nur sie, sondern alle Mitglieder ihrer Familie in einen Mord verwickelt sind.

Auch hier bemühe ich mich darum, die Botschaft zu verstehen: Jeder hat ein düsteres Geheimnis. Wenn ich zur Christbaumsammelstelle gehe, bestätigt sich das: Jeder ist ein Mörder. Nur in den 1980er Jahren, als das Waldsterben eines der wichtigsten Schlagworte der damals jungen Öko-Bewegung war, hatte meine Familie einen lebenden Weihnachtsbaum, der außer Dienst in einem Kübel im Garten stand und im darauffolgenden Jahr wieder zum Christbaum wurde.

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