Federspiel

Kürbis und Kultur

1945 1960 1980 2000 2020

Wo der Blick über den Kirchtum reicht, gibt es auch auf dem flachen Land und ohne Großstadthumus bemerkenswerte Theatererlebnisse.

1945 1960 1980 2000 2020

Wo der Blick über den Kirchtum reicht, gibt es auch auf dem flachen Land und ohne Großstadthumus bemerkenswerte Theatererlebnisse.

Nicht nur die Salzburger Festspiele machen unverdrossen Sommertheater, auch das Wieser Theater im Kürbis spielt mit seuchenvorbeugendem Sicherheitskonzept – zwar nicht, wie angekündigt, unter den Platanen im Schloßpark, sondern in der Schloßtenne Burgstall, aber ein Glas Schilcher lässt sich davor und danach im Freien verkosten.

Gespielt wird Felix Mitterers „Märzengrund“, das dramatische Porträt eines zart besaiteten Bauernsohns, dessen reales Vorbild im Zillertal in den 60ern den reichen Hof der Eltern verließ, um 40 Jahre lang als Einsiedler auf einer hochgelegenen Alm zu leben. Es ist das Stück der Stunde, mehr Abstand geht nicht, und das hervorragende Laienensemble zeichnet das poetische Bild eines Mannes zwischen Wahnsinn und Weltweisheit, zwischen Fortschrittskritik und franziskanischer Frömmigkeit.

Die Regie (Karl Posch) steuert mit sicherer Hand an den Untiefen des Sentiments vorbei, die Umfärbung des tirolerischen Sprachgewands ins Südweststeirische funktioniert wie von selbst, und das famose Mädchentrio „DreiDirndlTakt“ spielt die kongeniale Bühnenmusik (Wolfgang Fasching) mit stoischer Professionalität.

Theatererlebnisse wie dieses erinnern daran, dass Kultur auf dem flachen und weniger flachen Lande, auch ohne Großstadtdünger, aus dem eigenen Humus wächst, sofern der Blick über den Kirchturm reicht. Das tut er bei der Kulturinitiative Kürbis seit 1971; zum Theater kamen vor etlichen Jahren die Musik – mit dem legendär gewordenen Plattenlabel „Pumpkin Records“ – und die Literatur, mit der „Edition Kürbis“, in der Wolfgang Pollanz soeben die bemerkenswert unzeitgemäße Kfz-Anthologie „Baby, You Can Drive My Car“ herausbrachte.

Die Edition wirbt mit einem heutzutage mehr denn je überzeugenden Zitat von Fernando Pessoa: „Die Literatur ist die angenehmste Art und Weise, das Leben zu ignorieren“.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.