O, du lieber Augustin!

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Franz Zoglauer sieht in dem legendenhaft robusten Wiener die Verkörperung unserer widersprüchlichen Empfindungen im Angesicht einer Seuche.

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Franz Zoglauer sieht in dem legendenhaft robusten Wiener die Verkörperung unserer widersprüchlichen Empfindungen im Angesicht einer Seuche.

Der derzeitige zweite Lockdown dürfte so manchem von uns erst in vollem Ausmaß die Gefahren der völlig unberechenbaren Corona-Epidemie bewusst machen. Der Bundeskanzler tröstet mit dem Ausblick auf baldigen Impfstoff und Massentests; vor allem aber fordert er einmal mehr Abstandhalten, Maskentragen und Reduktion sozialer Kontakte. Die Bevölkerung wirkt allerdings zunehmend ausgepowert. Die geforderte Selbstverantwortung wird noch immer nicht von allen ernst genommen.

Der liebe Augustin ist es, dieser robuste Wiener, der unsere widersprüchlichen Empfindungen wie Lebenslust und Resignation, Todesangst und Todessehnsucht im Angesicht einer Seuche vereint. Er war ein Sackpfeifer, der sich im Pestjahr 1679 seinen Rausch ausschlief, von den Totengräbern versehentlich zu den Leichen geworfen wurde und am nächsten Morgen über die Toten aus der Grube steigen musste. Er hatte eine enorme Widerstandskraft, hatte sich nicht angesteckt und ahnte die auf die Seuche folgende wirtschaftliche Pleite voraus. „’s Geld is hin, ’s Mensch is hin, o du lieber Augustin, alles is hin! Jeder Tag war sonst ein Fest, jetzt aber hab’n wir die Pest!“ Augustin trägt das mit einer gewissen, alkoholbedingt guten Laune vor.

Auch ein ebenso populärer und gut gelaunter Typ wie Nestroys genial verkommener Schuster Knieriem macht sich in der Posse „Lumpazivagabundus“ Gedanken über das drohende Finanzdebakel. „Wir zahl’n ka Zech, es kost’ ka Geld, heut’ ist der Untergang der Welt.“ So grundsätzlich anders dürfte der aktuelle Finanzplan für die Covid-Schäden auch nicht aussehen. All das trifft uns jetzt kurz vor Weihnachten. Von Jahr zu Jahr ist die Adventzeit immer mehr zu lauten Firmenpartys, Punsch- und Kauforgien verkommen. Heuer hätte Weihnachten wieder die Chance, zum schlichten und schönsten Fest des Jahres zu werden.

Der Autor ist freier Journalist.

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