Federspiel

Politik im Quoten-Dilemma

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Kolumnist Peter Plaiker über das Dilemma politischer TV-Debatten.

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Kolumnist Peter Plaiker über das Dilemma politischer TV-Debatten.

Trump gegen Biden: Das war ein Tiefpunkt der erstmals 1960 ausgetragenen Präsidentschaftsdebatten. Trotz jeweils mehr als 60 Millionen Zuschauer für vier Konfrontationen von Kennedy und Nixon hatte dieses Fernsehformat dann vorerst 15 Jahre Pause. Die wünscht sich Falter­-Chef Armin Thurnher anlässlich des aktuellen amerikanischen Fiaskos auch für die Austro­-Ableger angesichts des Duell­-Stakkatos zur Wien­-Wahl. Seinen Argumenten von der Vergeschäftlichung des Politischen bis zur Selbstreferenzierung des Journalismus ist schwer zu entgegnen.

Der von ihm beklagte Überdruss gilt aber nur für die Blase aus Parteien, Beratern und Medien, der auch er angehört. Das sogenannte breite Publikum honoriert Show und Spektakel: 73 Millionen sahen Trump gegen Biden. Den Rekord hat der Präsident noch als Kandidat gegen Clinton mit 84 Millionen aufgestellt. Solch Einschaltquoten lassen Politik und Medien sich höchstens durch die aktuelle Corona-­Absage eines Fernduells durch den Titelverteidiger entgehen.

Das gilt im Klei­nen auch hierzulande, wo die vergleichsweise sittsamen Duelle und Runden dennoch Zugnummern sind. Das Pro-­Argument der Politik-­Popularisierung zerfleddert Thurnher zu Recht: TV-­Darstellung ist etwas anderes. Doch das Primat der Kommunikation wirkt unumkehrbar. Die Beispiele reichen von Trump über Merkel bis Kurz und sogar Platter – um Könner und andere zu nennen.

Würde der ORF verzichten, wäre das nicht bloß mehr Quote für Private, sondern weniger Publikum insgesamt. Im Zweifel gebührt dem Schein von Politik Vorrang gegenüber keiner Partizipation. Sie vollzieht sich umso virtueller, je höher die Entscheidungsebene. Der Ball geht zurück an die Darsteller: Andernorts debattieren Amtsinhaber nicht mit Hinz und Kunz. Würden sich von Ludwig bis Kurz die Spitzen öfter verweigern, verlöre der Streit der Herausforderer sofort an Interesse.

Der Autor ist Medienberater und Politikanalyst.