Salzburger Corona-Diät

1945 1960 1980 2000 2020

Die Salzburger Festspiele trotzen in ihrem Jubiläumsjahr der Pandemie, die ungewohnten Einschränkungen könnten aber gleichzeitig den dringend notwendigen Anstoß zur Erneuerung bringen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Salzburger Festspiele trotzen in ihrem Jubiläumsjahr der Pandemie, die ungewohnten Einschränkungen könnten aber gleichzeitig den dringend notwendigen Anstoß zur Erneuerung bringen.

Man hätte sich dieser Diät längst ­unterziehen können, doch wir waren gewöhnt, aus dem Vollen zu schöpfen. Die Corona-Diät wird uns von der Seuche aufgezwungen. Unser Leben und unsere Kultur können seit mehr als vier Monaten nur unter Einhaltung strenger Gebote stattfinden. Reduktion und Distanz müssen eingehalten werden.

Die Salzburger Festspiele trotzen im ­Gegensatz zu anderen Institutionen der Pandemie und beschränken sich zu ihrem­ 100. Geburtstag auf den „Jedermann“, ­eine Handke-Uraufführung und „Così fan tutte“ in reduzierter Fassung. Niemand weiß, ob nächstes Jahr alles so wird, wie es zuvor war. Die wirtschaftlichen Prognosen sehen nicht danach aus. Leben bedeutet einmal mehr Veränderung und nicht fortwährendes Wachstum. Erneuerung ist dringend gefragt, und Fantasie ist nicht nur eine Frage des Kapitals. Die ­Höhe der Eintrittspreise, die Gagen der Spitzen­künstler, der szenische Aufwand, so manches wird zu hinterfragen sein. Es dürfte auch gar nicht so schwerfallen, eine Zeitlang auf Partys und Starrummel zu ­verzichten. ­Ohne jene Sprüche vom Mut, jetzt erst recht Festspiele zu veranstalten, sollte man sich wieder der eigentlichen Diva besinnen. Mit großer Bescheidenheit und Schönheit steht sie vor uns. Diese wunderbare Landschaft, die Symbiose von bizarrer Natur und barocker Architektur.

Aus ihr entwickelte Reinhardt das Festival. Von vielen Schauplätzen hat man sich getrennt, da die Platzkapazität und die damit verbundenen Einnahmen zu gering waren. Von der Kollegienkirche, vom Hof der Residenz, von der Felsenreitschule für großes Schauspiel und vom Steintheater in Hellbrunn. Es sind jene Kraftorte, an denen Welttheater auch ohne Kulissen spürbar wird. Eine bessere Kur könnte es für die Festspiele nicht geben.

Der Autor ist freier Journalist.

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