Federspiel

Spruch und Widerspruch

1945 1960 1980 2000 2020

Die Germanistin Daniela Strigl über den bedenklichen Einsatz von Zitaten berühmter Schriftsteller.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Germanistin Daniela Strigl über den bedenklichen Einsatz von Zitaten berühmter Schriftsteller.

In einer von Xaver Bayers famosen „Geschichten mit Marianne“ vertreiben sich die Genannte und der Erzähler die Zeit mit einem Spiel, bei dem es gilt, ausschließlich mithilfe von Zitaten zu kommunizieren. Vielleicht steckt so etwas Ähnliches hinter der Inseratenkampagne des „Postgraduate Centers“ der Universität Wien. Im Unterschied zu den literarischen Figuren, die ihre Zitate samt Autornamen aus Büchern haben, beziehen die Texter die ihren aus dem Internet. Jahrelang war ein Plakat mit einem wohl als lernmotivierend eingeschätzten Spruch im Einsatz, den man Marie von Ebner-Eschenbach in den Mund legte: „Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein.“ Bis eine aufmerksame Mitarbeiterin nachzuforschen begann, ob der Satz unter den 900 Aphorismen der Autorin überhaupt zu finden sei. Er ist es nicht. Der Spruch wird weiterhin plakatiert – ohne Namen. Aber sie können’s nicht lassen. Jüngst entdeckte ich in der U-Bahn-Station ein neues Plakat des „Centers“: „Jeder Tag ist eine neue Chance, das zu tun, was du möchtest.“

Gezeichnet: Friedrich von Schiller. Ich meine, Weiterbildung setzt doch ein gewisses Quantum an Bildung voraus. Wo wurden Menschen ausgebildet, die glauben, Schiller hätte Sätze geschrieben, die zum Motivationsseminaraufhänger taugen? Wie stellen die sich den „Ganztext“ vor, dem eine solche Nullsentenz entstammt? Ehe ihre Geistesblitze wieder als Rohrkrepierer enden, empfehle ich die Feuerprobe auf Gerald Krieghofers erstaunlicher Enttarnungswebsite https://falschzitate.blogspot.com. Und wie kontert man auf so ein Zitat? Zum Beispiel mit: „Man muß schon etwas wissen, um verbergen zu können, daß man nichts weiß“ (Ebner-Eschenbach). Oder mit: „Einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es kann, ist oft schwer. Viel leichter ist es, einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es nicht kann“ (Karl Kraus).

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

In einer von Xaver Bayers famosen „Geschichten mit Marianne“ vertreiben sich die Genannte und der Erzähler die Zeit mit einem Spiel, bei dem es gilt, ausschließlich mithilfe von Zitaten zu kommunizieren. Vielleicht steckt so etwas Ähnliches hinter der Inseratenkampagne des „Postgraduate Centers“ der Universität Wien. Im Unterschied zu den literarischen Figuren, die ihre Zitate samt Autornamen aus Büchern haben, beziehen die Texter die ihren aus dem Internet. Jahrelang war ein Plakat mit einem wohl als lernmotivierend eingeschätzten Spruch im Einsatz, den man Marie von Ebner-Eschenbach in den Mund legte: „Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein.“ Bis eine aufmerksame Mitarbeiterin nachzuforschen begann, ob der Satz unter den 900 Aphorismen der Autorin überhaupt zu finden sei. Er ist es nicht. Der Spruch wird weiterhin plakatiert – ohne Namen. Aber sie können’s nicht lassen. Jüngst entdeckte ich in der U-Bahn-Station ein neues Plakat des „Centers“: „Jeder Tag ist eine neue Chance, das zu tun, was du möchtest.“

Gezeichnet: Friedrich von Schiller. Ich meine, Weiterbildung setzt doch ein gewisses Quantum an Bildung voraus. Wo wurden Menschen ausgebildet, die glauben, Schiller hätte Sätze geschrieben, die zum Motivationsseminaraufhänger taugen? Wie stellen die sich den „Ganztext“ vor, dem eine solche Nullsentenz entstammt? Ehe ihre Geistesblitze wieder als Rohrkrepierer enden, empfehle ich die Feuerprobe auf Gerald Krieghofers erstaunlicher Enttarnungswebsite https://falschzitate.blogspot.com. Und wie kontert man auf so ein Zitat? Zum Beispiel mit: „Man muß schon etwas wissen, um verbergen zu können, daß man nichts weiß“ (Ebner-Eschenbach). Oder mit: „Einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es kann, ist oft schwer. Viel leichter ist es, einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es nicht kann“ (Karl Kraus).

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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