Trauriges Fiakerlied

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Die Fiaker seien nicht mehr "zeitgemäß", mit ihren 2 PS, der PKW mit Verbrennungsmotor hingegen schon?

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Die Fiaker seien nicht mehr "zeitgemäß", mit ihren 2 PS, der PKW mit Verbrennungsmotor hingegen schon?

Unser Gesundheitsminister ist auch Tierschutzminister, und dieses ist er offenbar lieber als jenes. Als Tierschutzminister hat er den Wiener Fiaker jüngst für nicht mehr „zeitgemäß“ erklärt und damit der alljährlichen Diskussion, ab welcher Temperatur man den Pferden hitzefrei geben sollte, eine radikale Wendung gegeben. Die Wiener Institution ist also nicht mehr „zeitgemäß“ – weil sie mit nur 2 PS betrieben wird?

„Zeitgemäß“ ist demnach der Pkw mit Verbrennungsmotor, der nach wie vor das Stadtbild dominiert. Das von einem grünen Minister zu hören, verwundert denn doch. Gälte es nicht vielmehr, den städtischen Verkehr umfassend so zu gestalten, dass er nicht bloß fußgänger- und fahrrad-, sondern auch pferdefreundlich ist? Und somit allen Kreaturen weniger Stress verursacht? Will man wirklich das letzte Stück animalischer Natur vom Pflaster verbannen? Der klassische Zweispänner ist nicht nur eine Fremdenverkehrsattraktion, er gehört zu jenen Dingen, auf die man in dieser Stadt stolz ist, er erinnert an eine Epoche gemächlicherer Gangart. Sicher: Wird er abgeschafft, müssen sich Autofahrer nicht mehr aufs Kutschentempo einbremsen, dann muss auch der Kardinal nicht mehr über die rustikalen Duftnoten am Stephansplatz klagen.

In puncto Tierschutz ist die Initiative indes reichlich unbedarft. Ohne Reit- und Fahrsport gäbe es das Pferd in seiner Rassenvielfalt in Europa schon lange nicht mehr. Und wie sich Menschen bei mehr als 30 Grad in der Stadt bewegen, können das auch Pferde. Seit Jahrhunderten wurden und werden Pferde bei sommerlicher Hitze in der Landwirtschaft eingesetzt oder in Wüstenregionen geritten. Aber – jetzt sticht mich der Hafer – vielleicht hat der Minister die Fiakerpferde ja nur deshalb jetzt ins Rennen geschickt, damit keiner bemerkt, wie lahm sein Corona-Impfkampagnen-Gaul in den Sommer stolpert?

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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