Federspiel

Vor der Wahl 

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Waage hatte ich seit Jahren nicht benutzt. Sie wartete darauf, abgestaubt zu werden. Was es wiegt, das hat es. In der Küche lagen noch Spezialitäten herum. Ibizaspeck auf der schwarzen Platte, ein Stück Scholle aus edlem Schiefer. Wer hatte die Guccitasche vergessen? Der Barolo war leer, der grüne Tee zog noch in der Kanne nach. Ich schleuderte die Prada-Patschen in den Müll, kontrollierte meine Erscheinung im Spiegel. Auferstanden aus der TV-Couch sah mir die Erschöpfung entgegen. Der Sommer war heiß gewesen. Ob meine Diät daran schuld war? Ich freute mich über die Grünen, die Schrumpfung der Korrupten. Da meldete sich das Gewissen.

Wie alt willst du denn auf wessen Kosten werden? Der Weltuntergang steht bevor und du hast Fleisch gegessen. – Ich trenne Müll, sagte ich. – Wie kannst du es wagen, dich jetzt rauszureden? Es ist alles zu wenig, um die Welt zu retten! – Soll ich mich umbringen, fragte ich. – Tu was, brüllte das Gewissen. Meinetwegen schließ Zwentendorf auf!

Ich erschrak, denn mit der Absage an die Kernenergie hatte die Stunde meiner Politisierung als Grüne geschlagen. Was würde jetzt aus mir werden? Ich schnallte den Gürtel enger, hatte Hunger. Ich schlüpfte in die Joggingschuhe, war Teil einer lebenswerten Stadt, wo Lieferanten die – für welchen Lohn? – Lebensmittel stapelten. Die Füße trugen mich nicht, das Dopamin beflügelte meine Futtersuche. Ich überflog die Wahltagesreste, suchte einen Ausweg vom Höhlenmenschen und Lackaffen, landete in einer guten Stube. Kleine Kinder saßen am Tisch und schluckten schwer. Dabei hatten sie ihr Lieblingsessen am Teller. Schnitzel. Sie waren Augenzeugen der Schlachtung gewesen, sagte die politisch korrekte Mutter. Die Kleinen lernten für Fleischgenuss das Mitleid mit den Tieren überwinden. Schwarze Pädagogik in Grün. Ein Satzfetzen wehte über die Mauer aus der Gründerzeit Viktor Adlers: Menschlichkeit siegt. Wenn du sie wählst. Wieg sie auf. Wozu gibt es also die Waage?

Die Waage hatte ich seit Jahren nicht benutzt. Sie wartete darauf, abgestaubt zu werden. Was es wiegt, das hat es. In der Küche lagen noch Spezialitäten herum. Ibizaspeck auf der schwarzen Platte, ein Stück Scholle aus edlem Schiefer. Wer hatte die Guccitasche vergessen? Der Barolo war leer, der grüne Tee zog noch in der Kanne nach. Ich schleuderte die Prada-Patschen in den Müll, kontrollierte meine Erscheinung im Spiegel. Auferstanden aus der TV-Couch sah mir die Erschöpfung entgegen. Der Sommer war heiß gewesen. Ob meine Diät daran schuld war? Ich freute mich über die Grünen, die Schrumpfung der Korrupten. Da meldete sich das Gewissen.

Wie alt willst du denn auf wessen Kosten werden? Der Weltuntergang steht bevor und du hast Fleisch gegessen. – Ich trenne Müll, sagte ich. – Wie kannst du es wagen, dich jetzt rauszureden? Es ist alles zu wenig, um die Welt zu retten! – Soll ich mich umbringen, fragte ich. – Tu was, brüllte das Gewissen. Meinetwegen schließ Zwentendorf auf!

Ich erschrak, denn mit der Absage an die Kernenergie hatte die Stunde meiner Politisierung als Grüne geschlagen. Was würde jetzt aus mir werden? Ich schnallte den Gürtel enger, hatte Hunger. Ich schlüpfte in die Joggingschuhe, war Teil einer lebenswerten Stadt, wo Lieferanten die – für welchen Lohn? – Lebensmittel stapelten. Die Füße trugen mich nicht, das Dopamin beflügelte meine Futtersuche. Ich überflog die Wahltagesreste, suchte einen Ausweg vom Höhlenmenschen und Lackaffen, landete in einer guten Stube. Kleine Kinder saßen am Tisch und schluckten schwer. Dabei hatten sie ihr Lieblingsessen am Teller. Schnitzel. Sie waren Augenzeugen der Schlachtung gewesen, sagte die politisch korrekte Mutter. Die Kleinen lernten für Fleischgenuss das Mitleid mit den Tieren überwinden. Schwarze Pädagogik in Grün. Ein Satzfetzen wehte über die Mauer aus der Gründerzeit Viktor Adlers: Menschlichkeit siegt. Wenn du sie wählst. Wieg sie auf. Wozu gibt es also die Waage?