Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

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Wie lange wird man im Theater noch Stücke weißer Männer über weiße Ehen sehen, ohne Triggerwarnung an das sensible Publikum?

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Wie lange wird man im Theater noch Stücke weißer Männer über weiße Ehen sehen, ohne Triggerwarnung an das sensible Publikum?

Die Vorstellung, ein erwachsenes Kind zu haben, das bald nach Hause kommen wird, obwohl es dieses Kind gar nicht gibt, ist die Grundidee des Theaterstückes von Edward Albee. Der Wahn kittet die widerwärtige Ehe von Martha und George. Das Spiel ist nichts für Weicheier und Weicheierinnen. Die binäre Geschlechtlichkeit verstrickt den Rollenzwang zwischen Fortpflanzung und Nepotismus weißer Uni-Campus-Paare. Wie lange wird man im Theater noch solche Stücke weißer Männer über weiße Ehen sehen, ohne Triggerwarnung an das sensible Publikum?

Nicht auszudenken, was mit den Schauspielern und Schauspielerinnen passiert, die in diese verqueren Rollen schlüpfen, um uns ein Stück aus dem Jahre 1962 zu präsentieren? Damals galt noch die Apartheid in den USA. Mich interessiert genau deshalb die fluide Besetzungspolitik am Theater. Als Burgtheaterchefin würde ich mir das Experiment erlauben, die Rollen der Männer durch Frauen aller Formen und Farben umzukehren und durch Transfrauen und Transmänner umgekehrt durchzuwalken. Das Publikum würde den Irrsinn der eingefahrenen Beziehungen in Albees Stück kapieren. Die Charaktere sind gezeichnet, doch ich denke, man müsste sie neu verkörpern. Wie fühlen sich Dialoge diverser Paare um die Kindsfrage an? Wie gehen Transmänner mit der Rolle des männlichen Versagers und des Gedemütigten um? Wie erlebt sich die Aufdeckung der Lebenslüge einer Transfrau, wenn sie sich auf ein Fantasiekind eingelassen hat?

Anders gefragt: Wie empfinden wir George und Martha mit heutiger Sensibilität? Die fluide ­Theatersprache wäre eine Probe wert. Wie weit lässt sich die Rolle vom Leib befreien? Schmutzwäsche wird immer angehäuft und von unseren woke gewordenen Augen gewaschen. Das fluide Drama verhandelt das große Thema: die Leiblichkeit der Frau. Ihre Identität ist der Rollenzuschreibung diverser Autoritäten und perverser Diskurse zu entreißen.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

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