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Digital In Arbeit

Fernsehalltag ohne Religion

1945 1960 1980 2000 2020

Was der bekannte deutsche Zeitungswissenschafter Roegele auf dem Düsseldorfer Katholikentag zu sagen hatte, geht auch uns Österreicher an.

1945 1960 1980 2000 2020

Was der bekannte deutsche Zeitungswissenschafter Roegele auf dem Düsseldorfer Katholikentag zu sagen hatte, geht auch uns Österreicher an.

Ohne die tatkräftige und kompetente Mitwirkung christlicher Fachleute ist an die Darstellung christlicher Inhalte in den Medien nicht zu denken, es sei denn, man finde sich damit ab, daß nur Relikte christlichen Brauchtums gelegentlich als Versatzstücke einer Dorfkomödie oder als Erklärungshilfe in kunstgeschichtlichen Programmen vorkommen.

Dabei ist deutlich zu unterscheiden zwischen Radio- und Fernsehsendungen, die im Programm als kirchliche Themen ausgewiesen sind und zum Teil unter kirchlicher Mitverantwortung zustande kommen, und dem übrigen Programm, das der Information, Bildung und Unterhaltung dient und die Lebenswelt unserer Zeitgenossen spiegeln soll.

Uber die Sendungen der Kirchenfunk-Redaktionen, wie immer sie sich heute nennen mögen, sei hier nichts weiter gesagt, als daß Zweifel erlaubt sind, ob sie in ihrer Gesamtheit ein zutreffendes Bild des wirklichen kirchlichen Lebens in unserem Lande bieten. Solchen Zweifeln nachzugehen, fällt in die Verantwortung derer, die für diese Sendungen verantwortlich zeichnen.

Wir wollen unser Hauptaugenmerk auf das Gesamtprogramm richten und auf die seltsame Tatsache, daß in ihm die religiöse Dimension des Lebens, die doch für einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres Volkes noch immer von aktueller Bedeutung ist, so gut wie ganz ausgespart wird. Es geht hier nicht allein darum, ob die Position der katholischen Kirche in dem Streit um Abtreibung, Sterbehilfe oder Gen-Manipulation ordentlich zu Gehör gebracht wird, ob in Diskussionen, Foren und ähnlichen Pluralismus-Veranstaltungen, die meist zu nächtlicher Stunde gesendet werden, die vielberufene „Ausgewogenheit" praktiziert wird. Es geht hier in erster Linie um das Unterhaltungsprogramm, das zur besten Sendezeit von einem Millionen-Publikum betrachtet wird und in dem jene Figuren agieren, mit denen diese Millionen sich identifizieren.

In der umstrittenen, aber höchst erfolgreichen Serie „Dallas", von deren perfekter Machart mancher unserer Unterhaltungsproduzenten einiges Nützliche lernen könnte, kommt die religiöse Dimension des Lebens nicht vor. Auch in jenen Fortsetzungen, in denen von schwerer Krankheit, seelischem Leiden und Tod betroffene Menschen sich den letzten Fragen des Lebens gegenübergestellt sehen, taucht ein Gedanke an Gott, Jenseits, unsterbliche Seele nicht auf. Die kurze Szene aus einer Trauerfeier war auf meisterhafte Weise so zurechtgemacht, daß auf keine bestimmte Kirche, kein bestimmtes Ritual hätte geschlossen werden können. Die Verkaufbarkeit der Serie in allen Gegenden der Welt durfte eben nicht behindert werden.

Aber auch in deutschen Produktionen, selbst wenn sie in einem traditionell katholischen Milieu angesiedelt sind, erlebt man es so gut wie nie, daß eine Familie betet, bevor sie sich an den Mittagstisch setzt, obwohl es dergleichen in unserem Volk ja durchaus noch gibt, nicht nur bei Bergbauern, sondern auch bei Binnenschiffern und Briefträgern.

Wie man leben soll, wie man sich benimmt in dieser und jener Lage, was man tut und was man nicht tut, was für richtig und was für falsch gehalten wird, das lernt die Nation heute weniger in der Schule oder im Alltag der weltlichen und der kirchlichen Gemeinde, viel eher nimmt sie es vom Bildschirm ab. Deshalb ist es so wichtig, daß das Christliche nicht völlig ausrinnt aus dem Bewegtbilderbuch des zeitgenössischen Daseins, daß es nicht einer Strategie der Vermeidung geopfert wird, weil niemand gestört werden soll durch seinen Anblick, weil auch niemand erinnert werden soll an unwiederbringlich Verlorenes.

Es bedarf keineswegs der Vermutung, das Christliche werde in böser Absicht fortgelassen. Es genügt die Annahme, daß die Arbeit auf solche Weise einfacher, bequemer, konfliktärmer gemacht werden soll. Wahrscheinlich geht diese Rechnung auf. Niemand protestiert gegen etwas, das ihm gar nicht vor Augen kommt; nur selten vermißt jemand etwas, das er nicht ausdrücklich erwartet hatte. Vielleicht sind wir Christen schon so sehr daran gewöhnt, auf dem Bildschirm einer Welt ohne die Zeichen des Christlichen zu begegnen, daß ein Vermissungs-erlebnis sich gar nicht einstellt.

Es ist bezeichnend, daß Analysen der Verhaltensmuster, die in Unterhaltungsprogrammen vermittelt werden, sehr selten sind.

Man hat die Wichtigkeit der Frage nicht ausreichend erkannt, so daß entsprechende Untersuchungsaufträge ausbleiben. In Kinderprogrammen hat sich das erschreckende Defizit religiöser Vorstellungen nachweisen lassen. Durch das Ausblenden der religiösen Dimension des Lebens wird nicht allein den Christen Unrecht getan. Die Beschwerde ist, also auch nicht nur in eigener Sache zu führen. Allenthalben beklagt man sich heute darüber, daß wir seelisch verkümmern durch das Eingespanntsein in „Sach-zwänge", daß die „sekundären Systeme" uns umklammert hielten, daß wir vor lauter zweitrangigen Dingen nicht zu den eigentlich wichtigen Betätigungen vorzudringen vermöchten.

Der Gedanke an die überzeitliche Herkunft und Bestimmung des Menschen ist es, der dieses Gehäuse nach oben zu öffnen imstande ist. Wer von Gott weiß, der weiß auch, daß diese Welt nicht ein Gefängnis für lauter Lebenslängliche darstellt, aus dem es keine Befreiung gibt.

Wenn die religiöse Dimension erkannt wird und ins Lebensgefühl eingeht, wird der Blick nach oben möglich, wird die Panzerkuppel der Diesseitigkeit gesprengt. Wird diese Dimension nur im kirchlichen Raum verkündigt, verschwindet sie vom Bildschirm, an dem sich die Menschen sonst über ihre Welt zu informieren gewohnt sind, dann muß sie an Lebensmächtigkeit verlieren, zum Randphänomen werden, zur Nebenerscheinung ohne Bedeutung.

So gehört es auch zu den Aufgaben der Medien, daß sie die sonst so umfassend von ihnen vermittelte Welt immer wieder als eine nicht kerkerhaf t geschlossene, sondern als eine nach oben offene Welt erkennbar machen. Das kann nicht nur und vielleicht gar nicht in erster Linie in religiösen Sendungen geschehen und muß auch nicht immer mit Kirche zu tun haben.

Gerade die Berufs- und Arbeitswelt ist es ja, in der die „Sachzwänge" als besonders hart und einengend verspürt werden. Es ist ein wesentlicher Beitrag zur „Humanisierung der Arbeitswelt", daß man diese nicht als eine nur-ökonomisch bestimmte, nur in materieller Hinsicht relevante erfahrbar macht, sondern den Sinn der Arbeit als eines menschlich und christlich bedeutsamen Vollzugs in Erinnerung bringt („Laborem exercens")...

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