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Fest der Superlative oder Akt der Gigantomanie ?

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Olympia ruft - und Sportler und Sportfreunde wollen zumindest via Medien ,.dabeisein“. Was macht den Reiz dieser Monsterschau menschlicher Höchstleistungen aus? Wie weit mischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dabei mit? - Ein Dossier von Heiner Boberski.

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Olympia ruft - und Sportler und Sportfreunde wollen zumindest via Medien ,.dabeisein“. Was macht den Reiz dieser Monsterschau menschlicher Höchstleistungen aus? Wie weit mischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dabei mit? - Ein Dossier von Heiner Boberski.

Ein Fest der Superlative, zumindest für Anhänger des extremen Leistungssportes, bahnt sich an. Uber 13.000 Athleten aus 160 Ländern — genau genommen werden sie von den Nationalen Olympischen Komitees (NOKs) entsandt — kämpfen vom 17. September bis zum 2. Oktober 1988 bei den XXIV. Olympischen Sommerspielen um 237 Goldmedaillen. Es gibt mehr Aktive, mehr Teilnehmerländer und mehr Bewerbe als je zuvor. Erstmals seit zwölf Jahren treffen die Sportsupermächte UdSSR und USA wieder aufeinander.

Die Politik — von Anfang an Begleiter der 1896 auf Anregung des Franzosen Pierre de Coubertin erstmals ausgetragenen Olympischen Spiele der Neuzeit (schon in der Antike waren Sport und Politik kaum zu trennen) — machte sich auch vor Seoul bemerkbar. Zwar boykottieren diesmal nur sechs Länder (darunter Nordkorea, Kuba und Äthiopien) die Spiele, während dies 1976 bedeutende Nationen Afrikas, 1980 mehrere westliche und 1984 fast alle kommunistischen Staaten taten, aber an der Wahl des Veranstalterlandes Südkorea, das auch inneren Spannungen (FURCHE 36/1988) ausgesetzt war und ist, gab es unüberhörbare Kritik.

Nur haben zumindest größere Sportnationen inzwischen begriffen, daß ein Boykott ein Schnitt ins eigene Fleisch ist. Zwar ist für sie, zum Unterschied vom alten olympischen Slogan, Siegen sicher wichtiger als Dabeisein, aber das Dabeisein ist eine unerläßliche Voraussetzung fürs Siegen. Für kleinere Länder und viele einzelne Sportler, die kaum eine Chance auf eine Medaille haben, bedeutet aber allein das Dabeisein sicher schon sehr viel.

Die während der großen Boykotte erwogene Idee, Olympische Spiele stets am gleichen neutralen Ort (eventuell in Griechenland) auszutragen, ist wieder passe. Schon stehen für 1992 Barcelona (Sommer) und Albertville (Winter) als Veranstaltungsorte fest, in Seoul soll die Entscheidung über den Ausrichter der Winterspiele 1994, die ab dann wieder alle vier Jahre vorgesehen sind, fallen.

Geht man davon aus, daß die Herren vom 1894 gegründeten Internationalen Olympischen Co-mite (IOC) ihren alten Leitspruch „Citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) ernst nehmen, ist die in Seoul spürbare deutliche Lockerung der einst, insbesondere vom 1972 abgetretenen IOC-Präsidenten Avery Brundage, streng verfochtenen Amateurregeln logisch. Will man Höchstleistungen, muß man die Besten zulassen, und das sind meist jene Athleten, die Sport berufsmäßig betreiben.

Heuer öffnet sich Olympia den Tennis-Millionären (Tennis war zuletzt 1924 offizielle Olympia-Disziplin), vielleicht sind demnächst die Rad-, Fußball- oder Golfprofis — warum soll nicht wie diesmal Tischtennis nächstens Golf ins Programm kommen? — an der Reihe. Nicht einmal die Vergabe von Olympiamedaillen an Berufsboxer oder Autorennfahrer scheint für die fernere Zukunft ausgeschlossen.

Die Entwicklung ist über Avery Brundage hinweggegangen. Sein berühmter Satz „The games must go on“ (Die Spiele müssen weitergehen) nach der Terrorkatastrophe von München 1972 mit 17 Toten hatte damals ein Plädoyer für die Weiterführung der Spiele nach alten Leitlinien eingeleitet. Der Sport sollte sich weder von der Politik noch von der Wirtschaft unter Druck setzen lassen.

Aber die Politik mischte immer heftiger mit. Die folgenden Spiele litten unter politisch motivierten Boykotten. Noch heuer erzwangen die Schwarzafrikaner den Seoul-Verzicht der aus Südafrika stammenden, aber seit J.ahren für Großbritannien startenden Welt-klasseläuferin Zola Budd.

Der Wirtschaft öffnete der 1980 gewählte IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch die Tore. Der geschäftstüchtige Spanier gilt als Motor der Entwicklung zu völlig „offenen“ und gut vermarktbaren Spielen. Bezeichnend ist die Anpassung des Seoul-Zeitplanes an die Wünsche amerikanischer TV-Bosse.

Immer mehr spielt auch die Wissenschaft in den Sport hinein, beim Trainingsaufbau und leider auch beim Doping. Man ahnt, daß hier vieles vertuscht wird und manche Sportbetrüger — beschönigend „Dopingsünder“ genannt — ihren „Jägern“ immer einen Schritt voraus sind.

Aber die völlig heile Olympiawelt hat es nie gegeben. Schon 1904 nahm der Olympiasieger im Marathonlauf Strychnin. Die Olympiachronik enthält sowohl Beispiele höchster Fairness als auch viele unerfreuliche Kapitel.

Wenn heute einzelne Sportler nur zu ihren Wettkämpfen anreisen und sonst dem zweiwöchigen Treffen der „Jugend der Welt“ fernbleiben, gibt es zu Recht Kritik. Nur muß man wissen, daß Olympische Spiele erst seit 1928 zwei Wochen dauern. Vorher, als sie teils mit Weltausstellungen gekoppelt waren, wurden die einzelnen Bewerbe auf mehrere Monate verteilt.

Fragwürdig ist heute sicher die Gigantomanie. D#ch so locker wie 1900 in Paris, als zwei holländische Ruderer als Ersatz für ihren ausgefallenen Steuermann einen aufgeweckten französischen Knirps von der Straße engagierten und mit ihm Gold gewannen (der Bub, dessen Namen nie ermittelt wurde, war gleich nach dem Rennen wieder verschwunden), können die Olympischen Spiele wohl nicht mehr werden. Wie das Rad der Zeit lasseh sich auch die ineinander verschlungenen fünf Ringe nicht zurückdrehen.

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