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Digital In Arbeit

Feudal leben auf Kosten Ärmerer?

1945 1960 1980 2000 2020

Herkömmliche Methoden zur Sicherung von Arbeit und Einkommen scheinen nicht mehr zu funktionieren. Alternativen verheißen Lösung. Manches könnte ein Holzweg sein.

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Herkömmliche Methoden zur Sicherung von Arbeit und Einkommen scheinen nicht mehr zu funktionieren. Alternativen verheißen Lösung. Manches könnte ein Holzweg sein.

Wir leben im Zeitalter der „Kreativität“! Der von den Fesseln kleinbürgerlicher Vorurteile befreite Geist erhebt sich in die Lüfte, und während sich die Politiker erfolglos mit ihren traditionellen Instrumenten mühen, den Problemen nahezukommen, verheißt dieser „unkoventionelle“ Lösungen. Natürlich hat er auch

solche für das Problem der Arbeitslosigkeit zu bieten, nämlich „neue Formen der Arbeit“. Da sich aber jene eigentlich bis in die jüngste Zeit eher erhöht als abnimmt, bleibt doch die Frage, warum sich alle die betroffenen westeuropäischen Länder eines solchen probaten Mittels nicht bedienen. Um darüber Klarheit zu gewinnen, erscheint es sinn-

voll herauszuarbeiten, was in diesem Zusammenhang unter „Arbeit“ zu verstehen sei.

Die physische Existenz eines Menschen läßt sich nur dadurch sicherstellen, daß er durch seine Arbeit Güter und Leistungen hervorbringt. Die nationalökonomische Theorie teilt diese — und nur von einer solchen kann in unserem Zusammenhang die Rede sein — in Haushaltsarbeit und Erwerbsarbeit. Erstere produziert Güter und erbringt Leistungen innerhalb des Haushaltsverbandes (Kochen, Nähen, Kinderpflege, Autofahren, Tapezieren usw.). Letztere tut das gleiche für den Markt.

Die vorindustrielle Zeit war durch Haushaltsarbeit charakterisiert. In der agrarischen Subsi-stenzwirtschaft wurden fast alle Güter und Leistungen im Rahmen des eigenen Haushaltes und für ihn produziert. In der Industriewirtschaft änderte sich die Situation grundlegend. Diese ist durch Arbeitsteilung charakterisiert, welche die entgeltliche Erwerbsarbeit nach sich zog. Charakteristisch für diesen Wandel ist die Verschiebung der Frauenarbeit.

Auch noch zu Beginn der industriellen Gesellschaft arbeiteten die Frauen vorwiegend im Haushalt. Gerade die letzten Jahrzehnte sind durch eine immer intensivere Erwerbsarbeit auch der verheirateten Frauen charakterisiert. Diese Auslagerung der Erwerbstätigkeit auf den Markt ergibt sich zum erheblichen Teil aus

wirtschaftlichen Überlegungen. Solange die Familien kinderreich waren, es keine Haushaltsmaschinen gab und die Löhne generell niedrig lagen — wenn überhaupt eine Beschäftigungsmöglichkeit für die Frauen existierte —, erwies es sich für den Haushalt sozusagen ertragreicher, wenn die Ehefrau in diesem Rahmen ihre Arbeitsleistung erbrachte.

In der Gegenwart hat sich die Situation jedoch grundlegend geändert. Die moderne Familie ist durch eine geringe Kinderzahl gekennzeichnet und die Haushaltsarbeit ganz wesentlich durch Haushaltsmaschinen erleichtert. Auf der anderen Seite ist das durchschnittliche Lohnniveau erheblich gestiegen, sodaß es sich für die Ehefrau und für die ganze Familie als wesentlich „ertragreicher“ erweist, erwerbstätig zu sein und mit dem vergleichsweise hohen Einkommen jene Güter

und Leistungen auf dem Markt zu kaufen, die sie früher im Haushalt selbst erbracht hatte.

Freilich gibt es in neuerer Zeit auch gegenläufige Prozesse, indem Güter und Leistungen, die alle auf dem Markt erhältlich sind, wieder in Haushaltsarbeit produziert werden, zum Beispiel Möbel herstellen oder Tapezieren.

Von „neuen Formen der Arbeit“, die den Zweck der Einkommenssicherung erfüllen könnten, ist eigentlich kaum etwas zu sehen. Lediglich die Nachbarschaftshilfe im privaten Hausbau fällt einigermaßen ins Gewicht. Die viel besprochene gemeinsame Kinder- und Altenbetreuung spielt lediglich eine marginale Rolle. Pfuscharbeit, welcher anscheinend in den westlichen Industriestaaten eine immer größere Rolle zukommt, unterscheidet sich in nichts von normaler Erwerbsarbeit. Außer, daß es keine öffentlichen Abgaben gibt.

Aus dem Gesagten folgt, daß es für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit keine Wundermittel gibt.

Doch auch wenn es so scheint, daß wir uns zumindest auf einige Jahre mit Arbeitslosigkeit werden abfinden müssen, so bietet der Zeitgeist auch für diesen Fall „neue Formen“ an, und zwar solche der Existenzsicherung! Hier lautet die Parole: der Staat möge jedem Bürger ein Mindesteinkommen gewähren, nicht nur, wenn er nicht arbeiten kann, sondern auch dann, wenn er dies gar nicht will. Letzteres ist der Kern-

punkt dieser „neuen Form“, denn für prinzipiell Arbeitswillige ist ja Einkommenssicherung schon heute umfassend vorgesehen.

Eine in mehrfacher Hinsicht verblüffende Idee. Auch wenn man sich nicht der Argumentation anschließen will, die Empfänger solcher Leistungen würden vom Staat abhängig - wenn es um finanzielle Zuwendungen geht, ist jedermann gern vom Staat abhängig —, ist es verwunderlich, daß in einer Zeit akuter Budget- und Finanzierungsprobleme in allen Ländern jemand auf die Idee kommt, die Leistung der sozialen Sicherheit nicht zu reduzieren oder zu erhalten, sondern noch massiv auszudehnen!

Nun sind'wir aber mit dem Problem der Arbeitslosigkeit konfrontiert und sicherlich wird auch in Zukunft — so wie bisher — weniger Arbeit notwendig sein, um ein gegebenes Sozialprodukt hervorzubringen. Wenn aber wieder Vollbeschäftigung erreicht sein wird — und das könnte nach Arbeitszeitverkürzung Mitte der neunziger Jahre der Fall sein -, gilt dieser Rückgang des Arbeitsbedarfes dann nicht, wenn man ein wachsendes Sozialprodukt wünscht. Alle Umstände vermögen aber nichts an der Tatsache zu ändern, daß zu dessen Produktion immer und überall nach wie vor grundsätzlich Arbeit gebraucht wird und es nach unserem Sozialempfinden zwar naheliegt, jemandem einen Teil des selbst er-

arbeiteten Produkts zu geben, wenn er nicht arbeiten kann, aber beileibe nicht, wenn er nicht arbeiten will! Und solches vermeinte der Präsident der Wiener Handelskammer Dittrich bereits jetzt bei jugendlichen Arbeitslosen zu sehen.

Man kann hiezu freilich annehmen, es handle sich bei Arbeitern und kleinen Angestellten um Einzelfälle, denn die Einkommenslage der ganzen Familie würde es den jungen Leuten nahelegen, wieder eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Das gilt jedoch nicht für alle Gesellschaftsschichten. Die Protagonisten der Ideen von der Uberwindung des Wirtschaftswachstums, des „alternativen Lebens“ usw. entstammen in ihrer überwiegenden Mehrheit der wohlhabenden Oberschicht. Solche jungen Leute würden sicherlich eine Situation als geradezu ideal empfinden, die es ihnen für längere Zeit erlaubte, auf Basis des familiären Wohlstands, mit einem vom Staat bezahlten Taschengeld der „Selbstverwirklichung“ nachzugehen. Damit wäre sicherlich die „Wachstumsgesellschaft“ in einem wichtigen Sektor „überwunden“. Denn mit der Tatsache, daß durch Arbeiten der Einkommensschwache das Wohlleben einer Oberschicht finanziert wird, hätte man wieder Elemente der Feudalgesellschaft eingeführt.

Der Autor ist stellvertretender Leiter des österreichischen Instituts für Wirtschafts-forschung (WIFO) in Wien.

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