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Digital In Arbeit

Fitnesstraining fürs Gehirn

Im Laufe der nächsten 20 Jahre wird die Vision vom „echten Personalcomputer" Wirklichkeit werden: von einem Gerät, leistungsfähiger als heute Großrechner, klein genug, um in eine Sakkotasche zu passen, mit einem Speicher, der das Wissen Dutzender Großlexika verwahren kann, und mit einfachster Bedienung inklusive zum Beispiel Sprachein- und Sprachausgabe.

Dieses Gerät, das noch dazu Funktionen wie Fernseh- und Radioempfänger, Mobiltelefon, elektronisches Zahlungsmittel und elektronische Kamera integriert haben mag, wird sich zu einem omnipräsenten Begleiter entwickeln, ähnlich wie das heute für Armbanduhren gilt. Vieles wird sich dadurch ändern, auch der Schulunterricht.

Logarithmentafeln und Rechenschieber, mit denen Generationen von Mittelschülern bis 1970 geplagt wurden, sind Begriffe, die man schon fast nicht mehr kennt. Der Taschenrechner hat vieles überflüssig gemacht. Modernere Mathematikprogramme sind im Begriff, das Lösen von Gleichungssystemen, das Differenzieren und Integrieren, kurz die gesamte „Trivialmathematik", wie sie zur Zeit bis zur Universitätsreife unterrichtet wird, von der Landkarte des Lehrstoffes zu verdrängen. Warum auch sollen wir mühsam Mathematik lernen, wenn das alles viel besser von Maschinen übernommen werden kann? Schließlich lernen wir, seit es Rasenmäher gibt, auch nicht mehr, wie man mit einer Sense mäht oder diese wetzt, schleift oder dengelt.

Personalcomputer wie die beschriebenen greifen nicht nur in den Mathematikunterricht ein: Wozu lehrt man Faktenwissen beispielsweise in Physik, Chemie, Geographie, Natur- oder Kunstgeschichte, wenn man auf Anforderungen der Art „Kurzbericht über Mozart" eine klare Exposition vom Personalcomputer geliefert bekommt, und zwar auf Wunsch für andere sogar unbemerkt, weil der Bericht in das linke Brillenglas eingeblendet oder vom Brillenbügel akustisch direkt auf den äußeren Ohrknochen übertragen wird? Durch den Einsatz sogenannter Hy-permediatechniken können dabei Informationen in natürlicher Weise „assoziativ" gesucht werden, wobei nicht nur Text, sondern auch Bilder, Filmclips und Audiosequenzen präsentiert werden.

Warum soll man noch schreiben, wozu eine schöne Handschrift lernen, wenn man ohnehin ein Textverarbeitungssystem einsetzt, mit dem man Texte elegant formatiert und schön wie in einem Buch druk-

ken kann? Auch das Tippen auf einer Tastatur wird in zehn Jahren ein Anachronismus sein. Man spricht dann in ein Mikrophon; die gesprochenen Worte werden in Schrift umgesetzt und am Bildschirm angezeigt. Selbst „Editierkommandos" wie „streiche letztes Wort" oder „vertausche diesen Paragraphen mit jenem" erfolgen akustisch: Das Eingeben von Schrift durch Schreibbewegungen oder Tastatur ist zum Aussterben verurteilt, weil man schneller spricht als man schreibt, die akustische Eingabe also einfach effizienter ist.

Wozu richtige Rechtschreibung lernen? Die in das Textverarbeitungsprogramm eingebaute Orthographieprüfung sorgt schon dafür, daß keine Fehler gemacht werden; und schlägt bei Wortwiederholungen geeignete Synonyme vor.

Auch eine Betonung des Fremdsprachenunterrichts macht wenig Sinn: ein deutsches Großprojekt hat die computermäßige Übersetzung von Telefongesprächen als Ziel und soll bis 2000 realisiert sein: Geschäftspartner sprechen dann in ihrer Sprache ins Telefon, der Partner aber hört alles in seiner. Solche Übersetzungsverfahren werden auch in die erwähnten Personalcomputer integriert werden, die damit bei Reisen als „Translatoren" fungieren: man spricht Deutsch hinein, der Partner hört die entsprechende Übersetzung. Die Motivation für das Erlernen einer Fremdsprache im schulischen Ausmaß sinkt damit genauso weit, wie dies bei der Verwendung von Logarithmentafeln schon geschehen ist.

Was verbleibt dann noch zu lehren außer „soziales Verhalten", „Benutzung der neuen Medien", und ähnliches, wenn der Unterricht von Mathematik, Schreiben, Grammatik, Fremdsprachen und allem Faktenwissen verschwinden wird? Bleiben dann zusätzlich nur noch Leibesübungen und Teile der musischen Erziehung, wobei man dort auch eher Malprogramme anstelle von Wasserfarben und Synthesizer anstelle von Musikinstrumenten verwenden wird?

So ist es nicht. Obwohl wir technisch gesehen heute kaum mehr gezwungen sind, uns körperlich anzustrengen, betätigen wir uns physisch dennoch: weil es uns Spaß macht und weil wir fit bleiben wollen. Ähnliches gilt für das Gehirn: Weil es uns (hoffentlich) Spaß macht, und weil wir geistig fit bleiben wollen, denken wir über Probleme nach und eignen uns Sachwissen an. Tatsächlich wird die Bedeutung des Sachwissens als Denkbasis und des „Auswendiglernens" und der „Denksportaufgaben" als „Fitnesstraining für das Gehirn" oft weit unterschätzt. Eine der Hauptaufgaben der Schule der Zukunft wird es sein, gewisses

Sachwissen und Sachverständnis als Basis für Denkvorgänge zu liefern und ansonsten die verschiedensten Regionen des Gehirns fit zu halten, ähnlich wie das der Turnunterricht für die Muskeln des Körpers versucht. Wenn dann zum Beispiel eine der lebenden Fremdsprachen angesichts der Translatoren zugunsten eines Faches „Denkspiele" (wo Schach, Go und Bridge unterrichtet werden) ersetzt wird, so ist das kein Fehler: die Motivation für dieses Fach ist groß, und solche Spiele eignen sich gut für das Training der „Gehirnmuskeln".

Eine weitere Hauptaufgabe der Schule der Zukunft ist die Beherrschung der neuen Medien in einem sehr viel tieferen Sinn als gemeinhin angenommen. Dem Menschen fehlt nämlich ein wichtiges Sinnesorgan: Zwar haben wir Ohren als passive Instrumente, um zu hören, und den Mund als aktives Gegenstück, mit dem wir Geräusche für die Ohren produzieren, Wir haben aber für das wichtigste Sinnesorgan Auge kein aktives, produzierendes Gegenstück: Wir haben kein Organ, mit dem wir bewußt (bewegte, farbige, abstrakte oder konkrete) Bilder erzeugen können. Diese Tatsache behindert die zwischenmenschliche Kommunikation und die Informationsweitergabe (= Unterricht) gewaltig: Alles, was wir mitteilen wollen, müssen wir in sprachlicher Form verschlüsseln!

So wie wir Unterseeboote als Krücke für die uns fehlenden Kiemen und Flugzeuge als Krücke für die uns fehlenden Flügel entwik-kelt haben, so sind wir im Begriff, Computer als Krücke für das fehlende bilderzeugende Organ einzusetzen. Wir stehen dabei am Anfang. Computer- und Softwaretechnologie werden es uns aber zunehmend ermöglichen, Gedanken nicht nur mühsam in schriftlicher Form festzuhalten und mitzuteilen, sondern in einer Kombination von Ton, Sprache, Bild und Bewegtbild, wobei abstrakten Bildern und abstrakten Filmen besondere Bedeutung zukommen wird. In diesem Sinne wird der Unterricht des Schreibens und Lesens ersetzt werden durch die gewaltige Aufgabe, zu lehren, wie (abstrakte) multimediale Dokumente zu erstellen (= zu schreiben) und zu verstehen (= zu lesen) sind.

Da heute nach zwölf Jahren Schule die wenigsten Abgänger sich wirklich gut schriftlich ausdrük-ken können, und nicht alle Abgänger Gedichte, anspruchsvolle Prosa oder abstrakte Malerei verstehen, wird die Vermittlung des viel komplexeren angesprochenen „neuen Schreibens und Lesens" eine der ganz großen Herausforderungen der Schule der Zukunft.

Der Autor istOrdinarius für Informationsverarbeitung an der Technischen Universität Graz

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