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Flexibler verhandeln!

Die Beziehungen zwischen Ost und West sind argen Belastungen ausgesetzt und haben den in der Vergangenheit so mühsam aufgebauten Dialog in eine bittere Konfrontation verwandelt. Im Grunde genommen, stehen wir eigentlich wieder mitten im Kalten Krieg.

Tiefes Mißtrauen in die Absichten des anderen beherrschen die Beziehungen zwischen Moskau und Washington. Daher auch die festgefahrenen Abrüstungsverhandlungen in Genf, Wien und in den Vereinten Nationen. Ich brauche hier die tödliche Gefahr des Wettlaufs um immer mehr und bessere Nuklear-Waffen nicht erst besonders zu betonen.

Darüber hinaus stellt diese Auseinandersetzung auch eine ungeheure Belastung für die Wirtschaft der betroffenen Staaten dar. Mittel werden gebunden, įt die wohl besser für friedliche Zwecke verwendet werden könnten.

Die Bemühungen um eine globale Wirtschaftsordnung, die den gegebenen Realitäten gerecht werden würde, sind bisher erfolglos geblieben, während Armut und wirtschaftliche Katastrophen weite Teile der Weltbevölkerung bedrohen.

Der Rückschlag in den Ost- West-Beziehungen und die Tatsa- che, daß die meisten regionalen Konflikte bisher ungelöst blieben, sind eine gefährliche Kombination, die jederzeit außer Kontrolle geraten kann.

Es gibt natürlich immer die Gefahr einer globalen militärischen Konfrontation, eines neuen Weltkrieges. Ich glaube indessen nicht, daß die maßgebenden Regierungen dieser Welt die Absicht haben, uns in einen Dritten Weltkrieg zu stürzen. Niemand kann aber sicherstellen, daß das nicht unbeabsichtigt durch die eine oder andere Mißkalkulation geschehen kann.

Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß wir es uns einfach nicht leisten können, Mäßigung und Vernunft in internationalen Angelegenheiten anzunehmen. Auch wenn wir den Abschreckungseffekt der Nuklearwaffen anerkennen, sollten wir niemals die Lehre der Geschichte vergessen: Welche Waffen immer die Menschheit produziert hat, diese wurden früher oder später eingesetzt, und darin liegt meines Erachtens die wirkliche Gefahr.

Unsere vordringlichsten Bemühungen müssen daher dem Ziel gelten, einen nuklearen Holo- kaust zu verhindern. Die ständige Vergrößerung und qualitative Verbesserung der Nuklear arsenale kann sicherlich nicht zu einer größeren Stabilität oder Sicherheit in der Welt führen.

Mehr Flexibilität wird auf beiden Seiten notwendig sein, wenn man ein Abkommen erreichen und damit eine weitere Verschärfung des Ost-West-Verhältnisses verhindern will. Bei aller Anerkennung der Sicherheitsbedürfnisse des Westens wünscht die Bevölkerung unseres Kontinents eine Regelung der Abrüstungsproblematik auf dem Verhandlungsweg. Die sich mehrenden Friedensdemonstrationen, aber auch die Haltung der verschiedenen Religionsgemeinschaften diesseits und jenseits des Atlantiks legen dafür beredtes Zeugnis ab.

Aus der amerikanischen Perspektive habe ich den Eindruck, daß man sich dort der großen Empfindlichkeit der Bevölkerung Westeuropas in der Frage der Ost-West-Beziehungen immer noch nicht völlig bewußt ist. Diese Empfindlichkeit mag erklärlich sein, wenn man sich vor Augen hält, daß zum Beispiel Wien nur eine Autostunde vom Eisernen Vorhang entfernt ist und dasselbe für die Bundesrepublik Deutschland gilt.

Im übrigen bin ich überzeugt, daß eine Lösung in Genf nur dann gefunden werden wird, wenn man einen schrittweisen Abbau der nuklearen Waffen, sei es auf dem Gebiet der Trägerraketen oder der nuklearen Sprengköpfe, erreicht. Leider gibt es vorläufig keine vollkommene Lösung, aber ich halte es für besser, Teillösungen zu erzielen als gar keine.

Moskau ist sicherlich an der Wiederherstellung von freundlichen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten interessiert. Soweit ich das aus meiner langjährigen Erfahrung als Generalsekretär der Vereinten Nationen beurteilen kann, ist dies eine der Top- Prioritäten der sowjetischen Außenpolitik.

Allerdings sollten wir keine raschen und plötzlichen Änderungen nur deshalb erwarten, weil in Moskau ein neuer Mann an die Macht gekommen ist. Die Sowjetunion wird ihre Politik nicht über Nacht ändern, und im übrigen hat KPdSU-Generalsekretär Jurij Andropow sicherlich schon in den letzten Jahren maßgeblich am Entscheidungsprozeß in Moskau mitgewirkt.

Natürlich betrachtet man dort Osteuropa als Teil der sowjetischen Einflußzone, wie es mit den Westmächten in Jalta am Ende des Zweiten Weltkrieges vereinbart worden war, ob uns das nun paßt oder nicht. Deshalb sollten wir nicht erwarten, daß die neue sowjetische Führung in dieser Richtung Konzessionen machen wird.

Es mag vielleicht anders bezüglich Afghanistan und ähnlicher Krisenherde sein. Um diese Probleme zu lösen, bedarf es jedoch einer neuen Politik, die es beiden Seiten ermöglicht, Gesicht zu wahren.

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