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Florenz, Tiefe der Farben

Der äußere Ring. Fiesole: morgens sieht das Land ringsum aus, als würde es am Schopf aus dem Wasser gezogen. Dann verfestigen sich die Flächen, die Formen erfüllen sich, und die schwarzen Feuersäulen der Zypressen steigen auf.

Die Säulen von S. Alessandro: Tragen dort Wasserfontänen die Gewölbe? Sind es Luftgebilde, von grauer Schlangenhaut über-sponnen? Unser Denken ist metaphorisch, eins benennen wir durch das andere und kommen nie zu den Dingen selbst: zu den herrlichen, großgewachsenen Säulen aus Griechenland.

Fern draußen steht S. Miniato: San Miniato al Monte. Auf dem Hügel haben die Römer dem heiligen Minas den Kopf abgehackt. Frisches Blut in der Wiese; jetzt steigt Efeu an den Steinquadern auf. Oder wurde er gesteinigt? Halbwegs im Wasser des Baches stehend, die Kleider gerafft, hoben sie Geröllbrocken auf... Wir träumen. Und wir schreiben hier keinen Bericht: Wir schauen und erwarten das Steigen der Bilder. Wir warten, bis die Bilder kommen. Kein Ruf.

Drüben die Fortezza del Belve-dere. Bei aufkommendem Wind steigt man gut hinauf; wenn der Abendstern scheint. Bin ich romantisch? Nein. Opiumesser sind Realisten; und mein Opium heißt: Welt.

Vor den Kanonen der Festung zogen die Bürger die Köpfe ein. Graue Verpanzerung der Macht. Immergrünes. Eidechsen.

In der Morgenfrüh flüstern die Nebel. Die zerbrochenen Dinge wollen sich zur Gestalt fügen. In den Träumen geschieht's: Die Welt wird ganz.

Trittst du auf den Hauptplatz hinaus, fährt der Dom auf dich zu, das Schlachtschiff der Verheißung, die weiß und grün geschmückte Truhe alter Seligkeit. Sieh: die Bullaugen am Tambour! das märchenhafte Schweben der Kuppel! die hergreifenden Hände all dieser Linien! die Raumgewalt ! das negerhaft bunte Treiben der Farben!

Du bist klein und trollst dich.

An den Türen des Battisterio gehen die Heiligen ein und aus: Hunde, Kinder, Priester, Vögel. Erzerne Bäume recken sich oder falten sich auf: Unter ihren Zweigen die geköpften Touristen, die Versehrten, die Aussätzigen, die Hungrigen, ich.

Ich sehe eine geschlagene Menschheit einziehen in den Dom, in das hallende Grab der Leere. O Brunelleschi!

In den rauchenden Vorstadtstraßen hängen Engel an den

Trittbrettern der Autobusse; im zerlumpten Park pfeifen Gassenjungen das Kyrie: dies ist Wirklichkeit! Leidensdumpfheit. Und doch: die hallenden Stränge der Eisenbahnen! cherubinische Flugzeuge! Glücksverheißung einer endlosen Reise!

Vor der Kirche S. Maria Novel-la: Die Obelisken werden von Schildkröten getragen. Die Schildkröten sind aus Bronze. Nach Vorstellung der Chinesen tragen Schildkröten die Welt.

Wie die Schildkröten! Tiere des Ufers, hie des Landes, hie des Wassers sind, kommt auch die Erde aus dem Wasser.

Zuletzt ist das Feuer (letztes Element). Die Penner am Novel-laplatz tragen alle nur einen Schuh, den des Empedokles.

Gütig schwebt der Vater herab, alt, eisig, seinen barfüßigen Sohn der Welt zu zeigen: an vier Balken genagelt: o Masaccio.

In Grün, Blau und Gold steht liliengleich die Märtyrerin, den Dolch im Hals: springender Blutquell. Gärten. Die Gnade? Gibt es denn eine Gnade, außer der, leiden zu können, zu tragen? Mein Leben war wunderbar; ich hab's ausgehalten.

Das letzte Element ist das Feuer, und es leuchtet aus allen Höllen. Das sind Kübel voll roter und brauner Farbe, aus denen die Verdammten die Hände recken, während drüben, an anderen Mauern, Eva und Adam durch eine Verzweiflung von Grün und Blau laufen.

Der blaue Himmel: Aussöhnung der Morgenstunde, wenn die Katzen über die Dächer steigen und das Glockenschlagen in den Ziegeln summt.

Mein Herz ist zu voll.

Die Dinge brüten und wesen in der großen Deponie.

Morgens über die Serpentinen des Boboli-Gartens aufzusteigen ist schön. Wenn die Blätter sich an den Baumkronen kräuseln. Wenn der Schatten des Vogels über den Weg hüpft.

Die gegürteten Ringerarme des Pitti.

Wenn der Garten seine grünen Segel aufspannt: da gehst du freier, spürst dein Rückgrat und bist nicht geschlagen. Ich lachte gar. Dann traf mich die Zypressenallee ins Herz. Die Geheimnisse der Orangen an der Hausmauer; die Margeriten; das Gaukeln des Laubwerks um die frischen, un-verderbbaren Schatten.

Grüß den dicken Zwerg auf der Kröte! Und Gott Neptun, der im Ausgedinge seinen Teich bewacht!

Dann die Stadt: über den Friesen und Balustraden fügen sich die Bögen der Kuppel. Das Tagdämmern. Die Türme im Plankton der Sonnenplättchen. Der grüne Etruskerberg.

Die Türme und Türme: Eintretende senken die Köpfe, während die Scheidenden sie erheben. O wie schön! - beim Sterben gesagt. Und mittags die leeren Plätze.

Aus hartem Stein gefügt stehen die Säulen; und David, der Emporkömmling: schon träumt Wehmut um seine Lippen; das Klauenhafte an den Händen des Täters.

Christus sinkt. Das Opfer sinkt und siegt doch.

Wäre ein Kuß denkbar zwischen David und Christus? Wohl nicht. Das Reich liegt rund um diese Welt, hinter den Zäunen.

Abends die Plätze; die Loggia: Geruch nach Feuerholz und Fledermäusen; Blut aus einem Halsstummel; das gezackte Schwertblatt des Mondes.

Braune Schwaden über den Dachzwickeln, Abendtreibgut.

Jetzt wird eingeholt die reine, die blanke Fahne des Tages, der blaue, goldtriefende Wimpel, und die Menschen kriechen um die Asche zusammen: große Feuer auf den Plätzen, lichterloh.

So jeden Tag; die Bars, die Gro-ße-Welt-Bar Turismo: Gewühl Und späte Harlekinade; da geht der Kopf kaputt: Gegröl und Gestank.

Genau zu sein: die Schacher saßen halbrechts von uns, zwei prächtige Burschen mit nackten Unterarmen, aufgekrempelten Ärmeln, weißen Hemden, mit schwarzen Lockenköpfen — Haare, wie an den Prunkschöpfen von Turnierpferden —, mit braunen, knochigen Gesichtern, im Lachen die Katzenzähne enthüllend.

Ein Buckliger beugte sich zu einem Hund, der einen Fleischknochen zerriß. Wollte er den Hund streicheln? Wollte er den Knochen für sich?

Da lachten die Schacher: Denn der Bucklige war gestürzt, der Hund balgte mit ihm.

In dem krummen Spiegel, der an der Wand hing, tummelten sich die Heimatlosen. Die Wunder waren längst fortgeritten, auf und davon; nicht einmal ihre Rücken sah ich mehr. Meine Madonna war bei dem kleinen Gefallenen — die Schacher grinsten -, an dem die Häßlichkeit jetzt Beweis wurde für ein Hinübergehen ins Schöne.

Das Wesen meisterhafter Bildwerke ist doch die Gleichzeitigkeit widerspruchsvoller Seelenzustände: Lächelt der Gemarterte nicht? Was sieht der Triumphierende, der Sieger dort: Sandbänke? Das Ruder des Charon?

Bucht des Arno, laues Waschwasser des Arno, grüner, aufquellender Tropfen. Hunde laufen über den Schotter, das von der Strömung niedergestriegelte Unkraut.

Dann S. Frediano, immer zugesperrt — ich liebe die verborgenen Heiligen, von deren Heldentaten keiner spricht; die Kreuznägel und die Pfeile; Blutschorf.

Aber S. Spirito: heiliger Atem! Der gewaltige Steinbruch dieses Hauses; wandernde Wände — und Säulen, die zur Mitte der Erde treffen: wie jeder Wald! Da erscheint der Gekreuzigte, blond und von Gold umflossen.

All diese Kirchen und ihre Leidensmänner: o Giotto! o Cima-bue! Das still prasselnde Gold dieser Körper.

Auf irgendeiner leeren Hochfläche möchte ich dem Christus von Cimabue begegnen, unversehrt, geheilt, schön.

Aus irgendeinem Höhlenloch — in Wolken — möge mir der Christus des Giotto heruntersteigen, ernst, männlich, sanft.

So erlöst mich doch! Freilich: Tu, was dir aufgetragen; sieh zu; wenn dein Rücken krumm geworden, deine Arme schwerfällig. Das meint: Falte deinen Plan auf; er ist zusammengelegt (Embryo, Blume).

Auffällig ist das Fehlen der Mutter, der Madonna; zwar gibt es Marienkirchen.

Wo ist die mächtige Heilerin? Das Schwert, das die Schleier zerreißt: - stark, hell, niederfahrend: mit glühenden Haarspitzen?

Die sich Herabbeugende: „Wer das verlor, was ich verlor, macht nirgends halt!” Auch nicht an den Toren der Hölle.

Von der Erde her gesehen sind alle Söhne verloren. Aber sie kommen zurück. Michelangelo: weshalb er keine der Madonnen vollendet hat? Wie einfach: Ihren Blick hätte er nicht ertragen.

Sanft blicken die zwei Schacher. Sie haben auch schon genug getrunken; stoppelbärtig; versitzen alle Bars dieser Welt. Jetzt erkenne ich sie wieder: Tagsüber stehen sie vor dem Tempel Merca-to und rufen ihre Waren aus: Dornenkronen, Damenhandtaschen, Stadtpläne.

Ich aber bin Thomas, der. seine Hand in die Wunde taucht. Cam-pari und Gewitter; ein Regenguß noch; sprühende Kinoreklamen, abgefaltete Schirme auf dem Heimweg.

Morgens leuchtet die Kuppel wieder und ruft. Ich drehe meine Gebetsmühle weiter, wandere. In S. Croce steigt Petrus, mein Namensvetter, wieder zum Himmel auf. Wieder ist sein Grab offen, und eine Luke im Gewölbe erleichtert ihm seine Himmelfahrt.

Ich steige zu den Katakomben hinunter — SS. Apostoli — und schaue zur bunten - Musik der Holzbalken empor.

Ich laufe über die Plätze und wünsche der Gerechtigkeit auf ihrer Säule, sie möchte sehend werden.

Wir gingen an den Bildern vorbei, und ich erklärte meiner Madonna das alles: den Duccio mit der rosenfarbenen Brillanz seiner Engelsroben; die aufgeputzten Pferdchen und Spieße des Uc-cello; die Medaillenkunst eines della Francesca; die Jesusknaben von Lippi — bis wir vor dem Abgrund des Hugo van der Goes standen: Portinari-Altar. Es ist unsäglich (schlimmes Wort), wenn einem die Welt auseinanderbricht. Ist es komisch? Ist es tragisch? Was zeigt sich? Was lernst du da? Lohn und Strafe sind aufgehoben in reiner Anschauung, in stiller, eisiger Dauer.

Der Vater: „Und er sah, daß es gut war.”

Von den Zyklopenmauern von Fiesole sieht man weit über Land. Eine schmale, graue, gewundene Straße führt in die hingeworfene Gegend hinein. Erst kommen Häuser und Strauchwerk. Dann volle Bäume. Dann wilde Rosen. Dann Felder. Dann ein Brunnen. Dann Häuser und Straßen. Dann Bergkuppen in Schwarz und Lila. Dann Wegkreuze. Dann Straßen.

Ein Freund von mir erzählte: Im ' Sommer ruderte ich einmal auf einen stillen Flußarm hinaus. Es waren kaum Menschen herum, weil ein Wochentag war. Die Sonne strahlte; der Fluß leuchtete. Beim Jausnen rutschte ich mit dem Messer ab und schnitt mich in den Finger. Ich hielt den Finger übers Wasser: Sieh an! Da kamen die Fische und schluckten das Blut. Das war meine Art damals, sagte der Freund, dem heiligen Francesco nachzueifern.

Die Madonna lächelte beim Zuhören, lehnte sich an mich.

Man spricht von unhaltbaren Situationen. Im Grund ist jede Situation unhaltbar. Das ist auch unser Glück.

Gott Apoll möchte die Rosse des Sonnenwagens aufhalten, doch die Welt strahlt.

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