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FLUCHT VOR DEM ZUKUNFTSSCHOCK

Die für das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts charakteristischen nationalistischen Bewegungen sind im wesentlichen negativ, genauer gesagt separatistisch. Sie pochen auf „ethnische Zugehörigkeit" und sprachliche Unterschiede, zum Teil mit Religion verbunden. In mancher Hinsicht kann man in ihnen die Nachfolger oder gelegentlich die Erben der kleinstaatlichen Bewegungen sehen, die sich gegen das Habsburger, das Osmani-sche und das Zarenreich richteten.

Immer wieder erwecken sie den Eindruck, sie seien Reaktionen aus Schwäche und Angst, Versuche, Barrikaden gegen die Kräfte der modernen Welt zu errichten. Das betrifft nicht nur kleine Sprachgemeinschaften, die bereits für die geringfügigsten demographischen Verschiebungen anfällig sind, etwa die dünn bevölkerten Hügel und Küstenstreifen von Wales, wo Walisisch gesprochen wird, oder Estland, dessen rund eine Million Einwohner, die noch Estnisch sprechen, gerade noch an der unteren Grenze der erforderlichen Bevölkerungsgröße liegen, um eine moderne Sprachkultur auf allen Ebenen aufrecht zu erhalten.

Brauchbar, weil unbestimmt

Was solchen Abwehrreaktionen gegen wirkliche oder vermeintliche Bedrohungen Nahrung gibt, ist ein Zusammenspiel von internationalen Bevölkerungsbewegungen und den ungeheuer raschen, tiefgreifenden und beispiellosen sozioökonomischen Veränderungen, die für das dritte Viertel unseres Jahrhunderts so typisch waren. Der französische Teil Kanadas mag diese Verbindung eines verstärkten kleinbürgerlichen Sprachnationalismus mit einem massenhaft auftretenden Zukunftsschock verdeut-lichen. Auf dem Papier scheint die französische Sprache, die als Muttersprache von einem Viertel der kanadischen Bevölkerung gesprochen wird, in keiner Weise bedroht zu sein. Und dennoch ist die Haltung des Nationalismus in der Provinz Quebec die eines Volkes in überstürztem Rückzug vor historischen Kräften, die es zu überwältigen drohen. Der Nationalismus von Quebec hat in der Tat sogar die zahlreichen frankophonen Minderheiten in New Brunswick und Ontario im Stich gelassen, um sich innerhalb einer autonomen oder gar separatistischen Provinz zu verschanzen.

Was haben solche ethnisch-nationalistischen Reaktionen gemeinsam mit dem in letzter Zeit zu beobachtenden „Fundamentalismus" in vielen Teilen der Erde?

Die Ähnlichkeiten mit einer Reihe von ethnisch/nationalistischen Phänomenen aus jüngster Zeit sind nicht zu übersehen, vor allem wo diese mit einem gruppenspezifischen religiösen Glauben verbunden sind oder solche Verbindungen wiederherzustellen suchen - wie unter den (christlichen) Armeniern im Konflikt mit den (muslimischen) Aserbeidschanern oder in der neueren und ausgeprägt alttestamentarischen Phase des Likud-Zionismus in Israel, der sich so deutlich von der aggressiv konfessionslosen und selbst antireligiösen Ideologie der Gründer der Bewegung unterscheidet.

Es spricht vieles dafür, daß ein Besucher aus dem All ethnische Abschottung und ethnischen Konflikt, Fremdenhaß und Fundamentalismus als Aspekte ein und desselben Phänomens sehen würde. Dennoch ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen. Der Fundamentalismus, in welcher religiösen Gestalt auch immer, bietet

ein detailliertes und konkretes Programm für einzelne Individuen wie für die Gesellschaft, selbst wenn dieses Texten oder Traditionen entlehnt ist, deren Brauchbarkeit für das späte 20. Jahrhundert nicht ohne weiteres auf der Hand liegt. Dagegen steht der Nationalismus den wirklichen Bräuchen der Vergangenheit entweder feindselig gegenüber, oder er entsteht auf ihren Trümmern.

Gerade seine Unbestimmtheit und sein Mangel an programmatischem Gehalt verleihen ihm innerhalb seiner eigenen Gemeinschaft potentiell allgemeine Unterstützung.

vollzogen haben, bestätigen diese skeptische Auffassung.

Der Nationalismus war zwar der Nutznießer dieser Entwicklungen, trug jedoch in keiner wichtigen Hinsicht zu ihrer Auflösung bei. Von daher erklärt sich auch die allgemeine Verblüffung angesichts des plötzlichen Zusammenbruchs der Ostblok-kregimes, der völlig unerwartet kam.

Was die UdSSR angeht, so brach sie nicht, wie einige Experten vorhergesagt hatten, unter ihren inneren nationalen Spannungen zusammen, so unbestritten diese auch waren, sondern unter ihren wirtschaftlichen

offensichtlich gar keine Nationen sind. Infolgedessen neigen alle Bewegungen, die nach territorialer Unabhängigkeit streben, zu der Vorstellung, ihr Ziel sei die Errichtung einer „Nation", auch wenn dies überhaupt nicht der Fall ist; und alle Bewegungen, die für regionale, lokale oder auch partikulare Interessen gegen die Zentralmacht und den bürokratischen Staatsapparat kämpfen, werden sich nach Möglichkeit ein nationales Kostüm umhängen und auf ethnische und/oder sprachliche Eigenständigkeit pochen. Aruba will sich vonNiederländisch-

Die schwindende historische Bedeutung des Nationalismus verbirgt sich heute hinter einer Reihe von Entwicklungen, die ihn scheinbar wieder stärker in den Vordergrund rücken. Das geht so weit, daß die in diesem Buch vorgetragene Sicht der Dinge von einigen Kritikern als exzentrisch, paradox oder zumindest seit 1989 als überholt beurteilt wurde. Es ist jedoch keineswegs meine Absicht, die nicht zu übersehende Ausbreitung ethnisch-sprachlicher Bewegungen in verschiedenen Regionen des Erdballs zu bestreiten, und es wäre absurd, die Wiederkehr der nationalistischen Politik der Zwischenkriegszeit in Osteuropa ignorieren zu wollen. Was wir hier zur Zeit erleben, ist offenbar die Auflösung des letzten erhalten gebliebenen Vielvölkerreichs aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, das durch die Oktoberrevolution für drei weitere Generationen vordem Schicksal des Habsburger und des Osmani-schen Reiches bewahrt wurde.

Nachzügler im Untergang

Was wir am Ausgang des 20. Jahrhunderts jedoch nicht vergessen dürfen, ist erstens, daß die autonome Kraft des politischen Nationalismus in seiner gegenwärtigen ethnisch-sprachlichen Version schwächer ist, als es zunächst den Anschein hat, und zweitens, daß selbst dann, wenn er seine politischen Ziele erreichen sollte, nämlich unabhängige und souveräne nationale Territorialstaaten zu errichten, dieser Nationalismus keine Lösungen für die Probleme unserer Zeit anzubieten hat. Tatsachlich ist er für sie entweder nicht von Belang, oder er macht sie nur komplizierter. Die Veränderungen, die sich 1989/90

Schwierigkeiten. Mit Glasnost, von den reformkommunistischen Führern des Landes als notwendige Bedingung der Perestrojka angesehen, kehrte die Freiheit der Diskussion und der politischen Agitation zurück und schwächte das zentralistische Befehlssystem, auf dem Regierung und Gesellschaft beruhten. Das Scheitern der Perestrojka, die zunehmende Verschlechterung der Lebensbedingungen für gewöhnliche Bürger, untergrub das Vertrauen in die Unionsregierung, die man dafür verantwortlich machte, und ermutigte oder erzwang sogar regionale und lokale Problemlösungen.

Man darf wohl behaupten, daß vor Gorbatschow keine Sowjetrepublik an eine Loslösung von der Sowjetunion dachte, ausgenommen die baltischen Länder, und selbst dort war die Unabhängigkeit offensichtlich eine Utopie. Ebenso wenig kann man behaupten, daß allein Furcht und Zwang die UdSSR zusammenhielten, obwohl auf diese Weise zweifellos verhindert wurde, daß ethnische und Gruppenspannungen in Regionen mit gemischter Bevölkerung sich zu gegenseitigen Gewalttaten auswuchsen, wie dies unlängst der Fall war. Die nationale Auflösung der UdSSR und übrigens auch der einzelnen Republiken, die fast ausnahmslos mehr oder weniger multinational sind, ist zweifellos eher die Folge der Ereignisse in Moskau als deren Ursache.

Die tatsächliche Stärke des Nationalismus, wie groß sie auch immer sein mag, wird zudem durch die semantische Illusion verschleiert, die heute alle Staaten offiziell zu „Nationen" (und zu Mitgliedern der Vereinten Nationen) macht, selbst wenn sie

Westindien lossagen, weil es nicht mit Curacao verbunden sein will. Wird die Insel dadurch zu einer Nation? Oder Curagao oder Surinam, das bereits Mitglied der Vereinten Nationen ist?

Die einheimische Bevölkerung Cornwalls hat das Glück, ihre regionale Unzufriedenheit in den attraktiven Farben der keltischen Tradition darstellen zu können, wodurch Sit besser sichtbar wird, auch wenn so einige verleitet werden, eine Sprache wiederzubeleben, die seit über 200 Jahren nicht mehr gesprochen wird.

Nationale Kostüme

Wie wir heute in einem melancholischen Rückblick feststellen können, war es die große Leistung der kommunistischen Regimes in Vielvölkerstaaten, die verheerenden Auswirkungen des Nationalismus in deren Innerem zu begrenzen.

Die jugoslawische Revolution konnte die Nationalitäten innerhalb ihres Staates für einen längeren Zeitraum als je zuvor in der Geschichte der Region erfolgreich daran hindern, sich gegenseitigumzubringen, obwohl diese Errungenschaft unseligerweise gegenwärtig unter den Händen zerfällt.

„Die Nation" steht heute erkennbar im Begriff, eine wichtige frühere Funktion zu verlieren, nämlich die Herstellung einer territorial definierten „Volkswirtschaft" oder nationalen Ökonomie, die zumindest in den entwickelten Regionen des Erdballs einen Baustein der umfassenderen „Weltwirtschaft" bildete. Seit dem Zweiten Weltkrieg, ganz besonders aber seit den sechziger Jahren schrumpfte die Bedeutung „nationa-

ler" Wirtschaften aufgrund größerer Veränderungen in der internationalen Arbeitsteilung, deren Grundbausteine multinationale Unternehmen jeder Größe sind, und aufgrund der damit verbundenen Entwicklung internationaler Zentren und von Netzwerken wirtschaftlicher Transaktionen, die praktisch der Kontrolle staatlicher Regierungen entzogen sind.

Politisch war die Welt nach 1945 nicht vereint, sondern bipolar um zwei Supermächte organisiert, die man vielleicht als zwei Kolossalnationen beschreiben kann, aber sicherlich nicht als Bestandteile eines internationalen Staatensystems wie im 19. Jahrhundert oder vor 1939.

Die Weltpolitik nach 1945 war im wesentlichen die Politik von Revolution und Konterrevolution, und nationale Fragen konnten das Hauptthema lediglich verstärken oder stören. Dieses Muster zerfiel zugegebenermaßen 1989, und tatsächlich hatte das Modell einer durch die Oktoberrevolution zweigeteilten Welt schon seit längerem kaum noch einen Bezug zur Wirklichkeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Nation ohne Funktion

In absehbarer Zeit könnte ein stärker multilateral geprägtes internationales System entstehen. Dennoch würden auch in einem solchen System Nationen keine zentrale Rolle mehr spielen, da die Hauptakteure in diesem Spiel weit größere Gebilde sein werden als die Staaten, die den typischen nationalistischen, separatistischen Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts vorschwebten. Denn während im Westen der ethnisch-sprachliche Separatismus bislang noch nicht zur Spaltung von Staaten geführt hat (vielleicht mit Ausnahme Kanadas), vermitteln uns im Osten die Entwicklungen nach 1989 eine Vorstellung von den möglichen Konsequenzen dieser universellen Balkanisierung, die mit einem derartigen Nationalismus verbunden sind.

Kann man im Ernst davon ausgehen, daß der nationale Zerfall von Jugoslawien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion in der Region zwischen den östlichen Grenzen Deutschlands, Österreichs und Italiens und dem Pazifik zu einer politischen Stabilität fuhren würde? Tatsächlich sind dadurch jene Probleme wieder aufgetreten, die durch den Wilson-schen Versuch geschaffen wurden, Europa nach dem Ersten Weltkrieg nach diesen Grundsätzen neu zu ordnen, ein Versuch, der bereits damals seine eigene Absurdität bewiesen haue.

Kulturelle Freiheit und Pluralismus sind gegenwärtig zweifellos besser gewährleistet in größeren Staaten, die sich dessen bewußt sind, daß sie Vielvölkerstaaten sind, in denen viele Kulturen nebeneinander bestehen, als in kleinen, die das Ideal einer ethnisch-sprachlichen und kulturellen Homogenität anstreben. Es kann kaum überraschen, daß die allererste Forderung des slowakischen Nationalismus im Jahr 1900 lautete, Slowakisch zur einzigen offiziellen Sprache zu machen und einen Bevölkerungsteil von 600.000 Ungarnstämmigen zu zwingen, im Umgang mit den Behörden ausschließlich Slowakisch zu sprechen.

Der Autor lehrte bis zu seiner Emeritierung Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Londoner Universität. Unser Beitrag stammt stark gekürzt aus seinem Buch „Nationen und Nationalismus - Mythos und Realität seit 1780" (Nations and Nationalism Since 1780), deutsch im Campus Verlag, Frankfurt/M. 1991. 239 Seiten, Pb., öS 296,40

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