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Flüchtlingen stehen Herz und Grenze offen

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Menschen auf der Flucht. Sie versuchen, ihr nacktes Leben zu retten. Sonst haben sie nichts. Zumeist kaum eine Habe, gar keinen diplomatischen Schutz. Viele Österreicher haben es in der Hitler-Zeit selbst erfahren, was es heißt, Flüchtlingzu sein. Und was sje empfangen haben, versucht das neutrale Österreich anderen dankbar zurückzuerstatten: zwei bis zweieinhalb Millionen Menschen standen seit 1956 unsere Grenzen und unsere Herzen offen, rund ein Viertel davon hat bei uns eine zweite Heimat gefunden. Dafür sorgten und sorgen vor allem private Hilfsorganisationen.

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Menschen auf der Flucht. Sie versuchen, ihr nacktes Leben zu retten. Sonst haben sie nichts. Zumeist kaum eine Habe, gar keinen diplomatischen Schutz. Viele Österreicher haben es in der Hitler-Zeit selbst erfahren, was es heißt, Flüchtlingzu sein. Und was sje empfangen haben, versucht das neutrale Österreich anderen dankbar zurückzuerstatten: zwei bis zweieinhalb Millionen Menschen standen seit 1956 unsere Grenzen und unsere Herzen offen, rund ein Viertel davon hat bei uns eine zweite Heimat gefunden. Dafür sorgten und sorgen vor allem private Hilfsorganisationen.

Etwa zwei bis zweieinhalb Millionen Flüchtlinge sind seit der ersten großen Welle - nach der Ungarnkrise des Jahres 1956 — nach Österreich gekommen. Rund ein Viertel davon, so schätzt Ministerialrat Julius Ranharter vom Innenministerium, ist bis zum heutigen Tag in Österreich geblieben.

„Wir werden nach wie vor, wenn Menschen in Not sind, diesen Menschen Hilfe geben", hat sich Bundespräsident Rudolf Kirchschläger erst jetzt wieder nachdrücklich zur Tradition Österreichs (siehe auch Kasten) als internationales Flüchtlingsland Nummer eins bekannt und auch für die Zukunft bekräftigt.

Und Felix Bertram von der Caritas (die gemeinsam mit dem Weltkirchenrat, dem Roten Kreuz und der Volkshilfe zu den bedeutendsten privaten Hilfsorganisationen im Flüchtlingswesen zählt) hat das noch verstärkt: „Wir müssen ganz einfach für alle da sein, die als Minderheiten, als Außenseiter, als Benachteiligte in der Gesellschaft leben."

Flüchtlinge gehören jedenfalls dazu. Vor allem solche aus dem Ostblock: Auch in „friedlichen" Zeiten übertreffen ist in Quantität alle anderen Fluchtländer und -rägionen eindeutig:

Haben im Jahr 1979 insgesamt 5627 Menschen um politisches Asyl in Österreich angesucht (1978: 3412), so rechnet man bei der Caritas für 1980 mit alleine zehntausend Ostblock-Emigranten, die aus politischen Gründen den Paß und die Nationalität wechseln wollen.

Begründet wird dieses rasche Anwachsen der Asylwerber im Innenministerium mit der Liberalisierung des Reiseverkehrs in den östlichen Nachbarstaaten: Ministerialrat Ranharter: „Auch wenn heute noch spektakuläre Fluchtversuche wie der eines Rumänen mit einem .Rübenbomber' Schlagzeilen machen - die meisten brauchen nicht mehr durch Flüsse schwimmen, Schranken zu durchbrechen oder sich sonstwo durchzuschmuggeln; die meisten springen einfach im Rahmen einer Reise, ihres Urlaubs, ab."

Und sie suchen bei der nächsten Sicherheitsdienststelle um politisches Asyl an.

Der weitere Ablauf des Geschehens ist dann für die österreichischen Beamten bereits Routine: Uberprüfung der Angaben und Identitäten der betroffenen Personen, Uberweisung ins Flüchtlingslager (nach Traiskirchen, Bad Kreuzen, Talham oder Bad Reichenau)bzw., so vorhanden, zu Verwandten und Bekannten in Österreich.

Das Verfahren wird nach den Regeln der Genfer Konvention vom 28. Juli 1951 und in Zusammenarbeit mit dem Vertreter des UN-Hochkommissärs für Flüchtlingsfragen „in sehr kurzer Zeit" (Ranhartcr) durchgezogen: Nach durchschnittlich drei bis sechs Monaten erhalten rund 90 bis 95 Prozent der Antragsteller den Flüchtlingspaß.

In Krisenzeiten freilich, weiß Felix Bertram, da geht es auch ungleich rascher: Während der Flüchtlingswelle durch den Sowjeteinmarsch in die CSSR im Jahre 1968 „haben wir Programme gehabt, mit deren Hilfe wir innerhalb von zwei Tagen Ausreisegenehmigungen nach Australien, innerhalb von einer Woche nach Kanada erhalten haben".

Australien, Kanada und die USA galten und gelten als die Drittländer mit den höchsten Einwandererquoten, möglichst weit weg von der alten Heimat. Und möglichst in Frieden und Freiheit.

Daß Flüchtlinge dann eine neue Heimat finden, ist Hauptverdienst der privaten Hilfsorganisationen, lobt man im Innenministerium die Zusammenarbeit: „Die springen dort ein, wo wir nicht mehr weiterkönnen."

Um das am Beispiel der Caritas zu belegen: Im abgelaufenen Jahrzehnt hat die Zentrale in der Wiener Nibelungengasse insgesamt 13.554 Personen in Drittländer gebracht, hat nicht nur alle Einreiseformalitäten erledigt, sondern darüber hinaus auch 26,5 Millionen Schilling an Darlehen aufgetrieben, um diese Reisen zu finanzieren.

Und alleine 1979 wurden nahezu elf Millionen Schilling an Sofort- und Existenzhilfen ausgegeben.

Woher all jene Flüchtlinge, für die man von seiten des Bundes und der Fürsorgeverbände in den Ländern seit Kriegsende bereits viereinviertel Milliarden Schilling ausgegeben hat, nun tatsächlich kommen?

Es sind die Krisenzonen Europas und der Welt: Ungarn 1956, CSSR 1968, Chile, Uganda, Indochina, der Ostblock in seiner Gesamtheit.

Wobei zwei Sonderfälle zu erwähnen sind: Zum einen die jüdischen Emigranten, die aus dem Osten ausreisen, in Österreich Zwischenstation machen (bis Mitte der siebziger Jahre in Bad Schönau, nach dem Terroranschlag von Marchegg in Quartieren des Roten Kreuzes/Landesverband Niederösterreich) und dann nach Israel Weiterreisen wollen.

Dann freilich, wenn einige - „frustriert von der eben ganz anderen Leistungsgesellschaft im Westen" (Felix Bertram) wieder zurück in die Sowjetunion wollen, stehen die Hilfskräfte in Österreich vor einem „Irrsinnsproblem".

Und ehrlich bekennt der Caritas-Mann: „Da können wir fast nichts machen, nur möglichst rechtzeitig aufklären. Denn wenn sie auf der Rückreise bei uns auf die Einreisebewilligung - oft sehr lange - warten müssen, dann gelten sie als ganz normale Einwanderer. Und sie wissen ja selbst, wie streng die Arbeitsbestimmungen für Ausländer bei uns sind ..."

Ein zweiter Sonderfall sind die Indo-chinaflüchtlinge: Ein in seiner Art bislang einzigartiges „Pfarrpatenschafts-programm" der Caritas hat bis Anfang Dezember insgesamt Platz für 213 Familien und 1193 Personen in 179 Pfarreien geschaffen; 319 Wohnungen konnten bereitgestellt werden, 478 Arbeitsplätze sind fix zugesagt. Allein bisher konnten erst 998 Vietnamesen-und Kambodschaner nach Österreich gebracht werden. Der Grund: Die (ausländische) Borükratie...

Wohnungsbeschaffung, Arbeitsvermittlung, medizinische Betreuung -diese Probleme, oft schwer genug zu lösen, stehen am Anfang.

Doch die menschlichen Probleme kommen erst später: Wenn Flüchtlinge integrierte Mitglieder einer für sie mentalitäts-, kultur- und sprachmäßig fremden Gesellschaft werden sollen.nbsp;

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