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Freiheit, Erlösung und Emanzipation"

FURCHE: Könnte es sein, daß .Emanzipation" zum Gegenbegriff für christliche Erlösung wird? ',

RAHNER: Nein! Wenn Emanzipation, Freiheit und irdisches Glück richtig verstanden und illusionslos gesehen werden, dann ist die christliche Botschaft von Gott als dem eigentlichen, alleinigen und endgültigen Ziel des Menschen kein Gegensatz, sondern bewegt sich gleichsam in einer vollkommen anderen Dimension. Die Freiheit und das Glück hier darf keinem Menschen genommen werden. Alle Menschen sollen es anstreben.

FURCHE: Das würde heißen, daß eine Theologie, die sowohl um die Geschichte, wie auch um ihre Gegenwartsaufgabe weiß, die Versuche einer Neuinterpretation des Begriffs Erlösung nicht einfach als Neuerung abtun oder sie als für den eigentlichen christlichen Erlösungsglauben periphere Randerscheinungen diskreditieren darf.

RAHNER: Man kann natürlich über das, was ich soeben gesagt habe, hinaus genauere und tiefere Zusammenhänge der christlichen Erlösungsbotschaft einerseits und der emanzipatorischen Bestrebungen irdischer Art andererseits herauszuarbeiten und finden.

Wenn zum Beispiel jemand sagt: nur in der Erfahrung einer gleichsam politischen Freiheit und nur im Kampf für sie kann einem Menschen überhaupt erst das Verständnis aufbrechen für die Botschaft einer ewigen, unendlichen und schrankenlosen Freiheit, die Gott selber ist und die er uns verheißen hat, dann wäre gegen so etwas nichts einzuwenden.

Insofern kann man natürlich durchaus und berechtigt von einer politischen Theologie sprechen und kann auch die Botschaft des Christentums, aber nicht exklusiv, horizontal für das Diesseits wirksam werden lassen.

Aber es bleibt dabei: Das endgültige ewige Heil, die absolute Erlösung von Schuld, Leid und Tod geschieht nicht auf dieser Erde, sondern durch den Tod Jesu durch unseren Tod hindurch, wodurch wir allein durchbrechen in das ewige Leben Gottes selbst.

FURCHE: Muß Erlösung, verstanden als Tod und Auferstehung Christi, die Provokation des modernen Freiheitspathos aufnehmen bzw. aufarbeiten, ohne gleich der Leitangepaßtheit" geziehen zu werden? Ist Befreiung, als anthropologisch — soziale Kategorie verstanden, geeignet, das Ganze der christlichen Erlösungsbotschaft aufzunehmen?

RAHNER: Die Erlösungsbotschaft des Christentums kann nicht durch außerchristliche Inhalte angereichert werden. Aber jede Zeit kann gleichsam von ihrer Position und von ihrer zeitspezifischen Erfahrung immer wieder das Christentum provozieren, sich selbst ganz und allseitig zu verstehen, und insofern kann man natürlich die Botschaft von heute, die sozialkritisch ist und für mehr Freiheit eintritt, durchaus auch als eine Provokation legitimer Art verstehen — an die Adresse des Christentums,ge-richtet, sich selber adäquater, allseitiger, tiefer und radikaler zu verstehen. Freiheit im paulini-schen Sinne und moderne Freiheit sind nicht dasselbe.

FURCHE: Beunruhigt Sie als Christ und Theologe das Abnehmen der Wirksamkeit des Christentums? Denn darüber kann es ja keinen Zweifel geben, daß das zumindest in Europa der Fall ist.

RAHNER: Die Wirkungen des Christentums sind nicht mit Demoskopie festzustellen. Ich könnte genausogut sagen, daß das Christentum noch nie so eine große Wirkung in der Welt gehabt hat wie heute. Wenn man heute in aller Welt die Menschenrechte proklamiert - woher stammt denn die Lehre von einem absoluten Respekt gegenüber einem jeden, der- Menschenantlitz trägt? Das ist doch im Grunde genommen auch eine Wirkung des Christentums!

Die Aufklärung von heute und alles, was im Umfeld dieser Aufklärung geschieht, ist nichts anderes als säkularisiertes Christentum, das aber nicht deswegen aufhört, letztlich christlich zu sein. Ich würde nur sagen: Mit der Behauptung, das Christentum habe seine Wirkung verloren, muß man sehr vorsichtig umgehen.

Weiters ist es selbstverständlich, daß ein Christ, der die Botschaft des Evangeliums vertreten und verkünden will, daß ein Theologe, der über das Wesen des Christentums nachdenkt, durchaus beunruhigt sein muß über diejenigen Erfahrungen, die Sie ansprechen, wenn Sie von der zunehmenden Wirkungslosigkeit oder von abnehmender Wirksamkeit des Christentums sprechen.

Alle diese Erfahrungen sind natürlich Provokationen für die Kirche und ihre Vertreter, für die Prediger des Evangeliums neu, radikal, mutig und selbstkritisch, aber auch tapfer, darüber nachzudenken, wie man die Botschaft des Evangeliums heute ausrichten müsse. Diese Provokation sollte die Kirche viel radikaler annehmen. Sie dürfte sich nicht in ein kleines klerikales Ghetto oder in das Ghetto eines folkloristischen Christentums verstecken und die übrige Welt auf sich beruhen lassen.

Der Christ ist nur dann ein wahrer Christ, wenn er unerschütterlich an den Heilswillen und an die Liebe Gottes glaubt und seinen Glauben nicht abhängig macht von der greifbaren Wirkung seines Glaubens. Ich glaube an Gott, aber nicht an die gesellschaftspolitische greifbare Macht der Kirche.

Ich vertraue auf Gott, aber auf sonst niemanden. Und wenn ich weiß, daß ich auf jeden Fall durch Enttäuschung, durch Krankheit und durch Tod hindurch den ewigen Gott des seligen Lebens finde, dann ist die Frage einer gesellschaftspolitischen Wirksamkeit des Christentums immer noch eine durchaus berechtigte, gewichtige, ärgerniserregende Frage, aber für mich eben doch keine letzte.

Der wahre Christ kann sein Christentum nicht von der Frage abhängig machen, ob in den nächsten zwanzig oder hundert Jahren das Christentum sehr reüssieren wird oder nicht.

FURCHE: Bis zur Stunde hält man am Absolutheitsanspruch des Christentums fest. Darf man daraus eine Überlegenheit des Christentums den anderen großen Erlösungsreligionen gegenüber ableiten?

RAHNER: Selbstverständlich halte ich am Absolutheitsanspruch des Christentums fest, insofern das Christentum in seiner eigentlichen Wirklichkeit und Mitte, also in der Erlösung durch Jesus Christus, das Heil schlechthin aller Menschen erblickt und insofern darum auch das Christentum die Aufforderung ist, diese wahre letzte Wirklichkeit der Gnade des ewigen Lebens in Jesus Christus ausdrücklich zu ergreifen.

, Ob und wieweit und in welchen Perspektiven und in welchen Zeiträumen eine solche Botschaft des Christentums faktisch ankommen wird, bei allen Menschen bzw. bei allen Kulturen und Geschichtsräumen, darüber weiß ich nichts Eindeutiges zu sagen. Man kann doch darauf hinweisen, daß das Christentum heute überall in der Welt in einer Weise präsent ist, wie es bisher keiner der großen Welt- und Kulturreligionen gelungen ist.

Das Christentum muß natürlich in einer Begegnung mit den übrigen Weltreligionen immer noch etwas dazulernen. Nicht so sehr etwas, was von außen in es hineinimportiert wird, aber lernen, in einer radikaleren, entscheidenderen Weise zu sich selber zu kommen.

Wenn es moderne Freiheitsideologien gibt, warum soll das Christentum da nicht entdecken, daß es seine eigene Freiheitsbotschaft viel lebendiger und radikaler aussagen und leben sollte als es das bisher getan hat.

Es ist natürlich heute sicher eine Situation für das Christentum gegeben wie sie bisher nie bestanden hat. Bisher konnte das Christentum, obwohl es Botschaft an alle Menschen, obwohl es Weltreligion werden und sein wollte, doch aus einer konkreten, historischen Wurzel allein leben. Ob das nun der Kulturkreis des Judentums, oder ob das der Kulturkreis des hellenistisch-römischen Abendlandes ist,raquo;ist gleichgültig.

Jetzt muß das Christentum ohne seine geschichtliche Herkunft zu verleugnen, wirklich Weltreligion werden, Wurzeln schlagen in voneinander verschiedenen und vermutlich verschieden bleibenden Kulturen. Das hat das Christentum bisher noch nie tun müssen.

Das ist eine ungeheure Chance, wirklich das zu werden, was das Christentum immer schon von vorneherein sein wollte.

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