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Frieden ist ein Geschenk Gottes

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Zum Weltfriedenstag 1982 veranstaltete die Theologische Fakultät der Universität Wien einen Festakt, dessen Festvortrag hier zusammengefaßt wiedergegeben wird.

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Zum Weltfriedenstag 1982 veranstaltete die Theologische Fakultät der Universität Wien einen Festakt, dessen Festvortrag hier zusammengefaßt wiedergegeben wird.

Das Wort „Friede" ist in den neutestamentlichen Schriften wesentlich vom Sprachgebrauch des Alten Testaments und des Judentums bestimmt. Salöm meint dort meist „Heil" und steht dem „Segnen" nahe. Wo Salöm einen Friedenszustand unter Menschen bezeichnet, ist damit eine durch Gott und dessen Vertreter gegebene Ordnung gemeint, die meist kaum anders als sonst im alten Orient aufgefaßt wird (ermöglicht durch Unterwerfung, Frondienst u.a.).

In den späten Schriften des Alten Bundes ist „Friede" ein Zustand des Heils, der durch Gottes Schöpferkraft bewirkt ist und die Dimension eines irdischen Friedensreiches übersteigt.

Jesus knüpfte an diese späten Erwartungen an und verkündete diesen Frieden in seiner Botschaft von der Gottesherrschaft. Nach seiner Auferstehung predigte die Kirche, daß Gott durch und in Jesus Christus die Erwartungen des Alten Bundes erfüllte, allerdings nicht in der Weise, wie viele Juden es sich vorstellten (in Form eines irdischen Reiches), sondern auf eine neue Weise: Im Heil aller Menschen durch ihre Rettung aus der Macht der Sünde und des Todes, durch eine neue Schöpfungstat Gottes, die erst nach vielen Drangsalen am Ende der Zeit ihre Vollendung finden wird.

Diese kirchliche Neuinterpretation von „Frieden" liegt auf der Linie dessen, was sich schon in den späten Schriften Israels und in Jesu Lehren und Handeln anzeigte. Um an diesem Frieden Anteil zu erhalten, bedarf es der Umkehr von der Sünde und des Glaubens an Jesus Christus. Wie Jesus die Jünger aufforderte, untereinander Frieden zu halten, ermahnen auch die Apostel die Getauften, den Frieden untereinander zu suchen. Wie Jesus rechnen auch die Verfasser des Neuen Testaments damit, daß es nicht möglich ist, mit allen Menschen den Frieden zu halten und es bis zum Ende der Welt immer noch Streit und Verfolgung als Folge der. Sünde geben wird.

Aus dem biblischen Befund ergeben sich grundsätzliche und konkrete Folgerungen:

1. Der Friede, von dem in Friedensbewegungen und Friedensdiskussionen die Rede ist, ist nur ein Teilaspekt dessen, was in der Bibel als „Friede" bezeichnet wird. Biblische Aussagen über Frieden können daher nicht ohne weiteres auf die Probleme heutiger Friedensdiskussionen und -bemühungen bezogen werden.

Obwohl allerdings der /politische Friede nur ein Teilaspekt dessen ist, was die Bibel Friede nennt, hängt er engstens damit zusammen: er ist wesentlich Gabe Gottes. In den heutigen Diskussionen über Frieden steht hingegen ein säkularisierter Friedensbegriff im Vordergrund: Die Vorgänge in der Welt, dazu gehören auch Krieg und Frieden, werden rein diesseitig und ohne Bezug auf Gott gesehen.

Nach der Bibel ist aber jeder Krieg und jeder Streit letztlich eine Auswirkung davon, daß das Verhältnis zwischen Gott und Mensch gestört ist. Unfrieden ist eine Folge der Sünde. Der vornehmliche Beitrag zur Sicherung des Friedens und zur Abwehr oder Beendigung des Krieges besteht daher darin, die Menschen zur Umkehr aufzurufen und ihnen dank der Versöhnungstat Jesu Christi die Tilgung der Sünde zu vermitteln.

Solange die Welt trotz des österlichen Sieges Jesu noch in irgendeiner Form der Macht der Sünde unterliegt, wird es als Folge davon Uneinigkeit, Streit und Krieg geben. Ein Reich Gottes in Form eines dauernden paradiesischen Friedens wird vor der Parusie des Herrn nicht verwirklicht werden. Wohl aber wird es, so dürfen wir hoffen und dazu sollen wir beitragen, Zeiten des Friedens geben, die wie die Wunder Jesu „Zeichen" des ewigen Friedens und Heils sind.

2. Der Friede unter den Menschen war nicht das zentrale Anliegen des Alten Testaments und auch nicht Jesu. Jede Gefährdung des politischen Friedens und selbst die dadurch drohende Gefahr eines Atomkrieges wird durch diese Einsicht relativiert. Mit dieser Feststellung soll nicht das Furchtbare der über uns schwebenden Bedrohung der

Welt abgeschwächt werden. Aber diese Gefahr macht nicht jede Hoffnung zunichte. Für den gläubigen Leser der Bibel gibt es eine noch größere Gefahr: Den Verlust des wahren Lebens, der Lebensgemeinschaft mit Gott.

Die der Welt heute drohende Gefahr eines Atomkrieges weist darum alle Christen auf die noch schwerer wiegende Gefährdung der Gemeinschaft mit Gott hin und muß sie anspornen, sich ganz für die Verkündigung des Evangeliums vom Frieden Gottes einzusetzen.

Daß dieser Friede, das Heil und die Herrschaft Gottes, uns durch Christus zugesagt, ja schon anfanghaft geschenkt wurde, ist Grund christlicher Hoffnung. Die Kirche darf und muß daher diesen „Frieden" Gottes selbst in Zeiten größter Bedrohung des Weltfriedens als frohe Botschaft verkünden: ,.Habt Mut, ich habe die Welt überwunden" (Joh 16,33).

Christen müssen sich dadurch von jenen unterscheiden, für die der irdische Friede und die irdisehe Existenz das einzige Gut sind und die meinen, dieses mit eigenen Kräften sichern zu können oder zu müssen. Die in Friedensdemonstrationen manchmal zutage tretende Angst ist Symptom des Unglaubens oder eines unchristlichen Kleinglaubens.

3. Auch wenn der wahre Friede unsere irdische Existenz übersteigt, bleibt es die Aufgabe der Christen, sich für diese Welt und auch für den Frieden hier auf Erden einzusetzen; denn das neue Leben und endzeitliche Heil ist keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern eine Neuschöpfung dieser Welt. Christen dürfen deshalb die irdische Welt nicht im Blick auf das Jenseits sich selbst überlassen und das auf sie zukommende Geschick eines Atomkrieges fatalistisch hinnehmen. Sie sind als „Mitarbeiter Gottes" (1 Kor 3,9) aufgerufen, je auf ihre Weise an der Vollendung der Schöpfung und Neuschöpfung mitzuwirken.

Die in der Bergpredigt und in anderen Texten gegebenen Weisungen, untereinander Frieden zu stiften, ohne auf sein eigenes Recht zu pochen, fordern von allen, sich gerade im Zusammenleben als Christen zu erweisen. Allerdings können die biblischen Ermahnungen nicht einfach als Gesetze für politisches Handeln ausgelegt werden (zum Beispiel als Verbot jeglicher Anwendung von Gewalt, selbst wenn Notwehr oder Nächstenliebe es fordern, oder als Anweisung, bei der Abrüstung ohne Gegenleistung den ersten Schritt zu tun). Pazifisten können sich zwar auf einzelne Zitate, nicht aber auf die biblische Botschaft insgesamt berufen.

Die Bibel bietet keine fertigen Rezepte für die Politik; wohl aber müssen sich christliche Politiker an der Bibel orientieren und dann aus ihrer christlichen Verantwortung heraus in den konkreten Einzelfällen die Entscheidung treffen. Sie dürfen niemals einer Verteidigung zustimmen mit Mitteln, die in sich schlecht sind (etwa einer Waffe, die ganze Länder oder Erdteile vernichtet). Darum müssen sie und die ihnen anvertrauten Menschen in gewissen Situationen —biblisch gesprochen—das Unrecht im Bewußtsein eigener Sünde und in der Hoffnung auf Gnade erdulden.

Zu dem Einsatz für Frieden in dieser Welt gehört aber vor allem, daß jeder einzelne sich bemüht, als Christ zu leben. Die in der Bibel verankerte Uberzeugung, „von jedem Herzen wird die Welt bewegt" (Reinhold Schneider), hat im Leben vieler Heiligen ihren Niederschlag gefunden. Aus der Sicht der Bibel trägt jeder einzelne eine hohe Verantwortung für das, was sich in der Welt tut.

Wie Jesus und die Apostel wird jeder Christ oft erfahren, ob im privaten, kirchlichen oder politischen Bereich, daß er trotz aller persönlichen Bemühungen den Frieden nicht retten oder stiften kann. Wenn „die Welt" nicht auf die Mahnungen zu Umkehr, Buße und Frieden hört, sollte das Christen nicht erstaunen. Die Jünger Jesu stehen in diesem Punkt nicht über ihrem Meister.

Weil es aber aus der Sicht der Bibel nicht bloß um den irdischen Frieden geht, sosehr uns dieser aufgetragen ist, darf der Christ sicher sein, daß seine Anstrengungen auch dann nicht umsonst sind, wenn sie ohne sichtbaren Erfolg bleiben. Der uns zugesagte „Friede" wurde uns schließlich auf keinem anderen Weg zuteil als dem des Kreuzes. Dadurch kann gerade unsere Teilhabe an der Todesohnmacht Jesu (2 Kor 4,10) zum Leben und Heil, zur Vermittlung des Friedens als der Gabe Gottes beitragen.

Der Autor ist Professor für Neutestamentli-che Bibelwissenschaft an der Universität Wien.

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