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Frontstellungen vor 300 Jahren

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Nicht nur Türken, Österreicher, Ungarn und Polen, sondern auch der König von Frankreich und der Papst prägten den Hintergrund jenes historischen Ereignisses von 1683, dessen wir heuer gedenken werden.

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Nicht nur Türken, Österreicher, Ungarn und Polen, sondern auch der König von Frankreich und der Papst prägten den Hintergrund jenes historischen Ereignisses von 1683, dessen wir heuer gedenken werden.

Zwischen seinen Raubkriegen zog Ludwig der XIV. anno 1682 unter dem Zorn des Kaisers in Straßburg ein, während er sowohl in Warschau wie in Stambul und in Siebenbürgen alles Erdenkliche unternahm, um einem erfolgreichen Aufstand der Ungarn gegen Leopold I. Hilfestellung zu geben. Selbst der gewaltige türkische Aufmarsch 1682/83 war Ludwig willkommen. Türkische Siege ober der Enns oder in Mähren hätten ihm ein entsetztes Deutschland in die Arme getrieben, das ihn als Retter anflehen und seinen eigenen, unübertrefflichen Heeren Tür und Tor öffnen würde. Die Habsburger aber wären jedes Kredits bei Fürst und Untertan verlustig gegangen; er, der allerchristlichste König, hätte dann seine türkischen Freunde aus Mitteleuropa hinausgeworfen und sich so die römisch-deutsche Herrschaft verdient.

Die heutige Geschichtsschreibung hält dafür, daß nach dem

Tode Sulaimans vor Sziget bzw. nach der Seeschlacht von Lepanto das Türkische Reich in eine Periode innerer Verwirrung abglitt. Für eine Anzahl von Jahren, ins- besonders bei den Rückschlägen in Persien, mag dies zutreffen, die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war jedoch eher von der Sehnsucht nach alter Größe gekennzeichnet. Dabei entstammten die allmächtigen Minister und Feldherren der Pforte, Groß- Wesire genannt, einer einzigen albanischen Familie.

Man kann nicht behaupten, daß der Kampf gegen die Türken vor der Niederlage Kara Mustaphas in Österreich eine populäre Angelegenheit gewesen wäre oder daß Kreuzzugideen bzw. der Drang zu einer Art Reconquista vor 1683 im Lande herumgeisterten. Vielmehr durchlebten Wien und Umgebung, ähnlich wie die Steirer, die Tiroler und Salzburger, die erste Hochblüte des Barockzeitalters.

Dem Hof bedeutete nationales Gedankengut wenig, die mögliche Eindeutschung Ungarns oder Böhmens interessierte nicht. Man war mit der katholischen Glaubensverbreitung ebenso wie mit der Realisierung des Grundsatzes beschäftigt, daß alles Recht im deutsch-römischen Reich nach wie vor vom Kaiser ausgehe.

Ein Jahrzehnt vor der Belagerung Wiens hatten die Türken wegen eines Kosakenhetmans Krieg mit Polen begonnen, und Lemberg konnte sich nur unter hohen Kosten vorm Niederbrennen bewahren. Zwölf Monate später vernichtete der polnische Groß- kronfeldherr Sobieski ein türkisches Heer und ließ sich wie der einige Monate darauf zum König Johann III. ausrufen. Aber die Türken gaben noch lange nicht auf.

In Ungarn hatten es die Österreicher mit einer ziemlich absolutistischen Regierungsvariante und mit einer Bekehrungsaktion durch die Jesuiten versucht, die großartige Kollegien unterhielten, und mit mehr oder weniger sanfter Gewalt zahlreiche Übertritte zur katholischen Kirche herbeiführten. Der aus Komorn gebürtige und später so bekannt gewordene Bischof Leopold Graf Kollonitz machte viele evangelische Gotteshäuser katholisch. Einen Höhepunkt bildeten mehrere Berufsverbotsprozesse in Preßburg, die Prediger und Lehrer zur Auswanderung zwangen. Einer Magnatendeputation erklärten die Vertreter des Königs, man werde den Herren bald „böhmische Hosen“ anziehen, womit auf die Erniedrigung des tschechisch-freisinnigen Adels angespielt wurde.

Das Resultat war jedenfalls eine bis nach Graz reichende Verschwörung aller Betroffenen, darunter der Palatin, der Primas, ein Hofrichter, ein Markgraf, der steirische Landeshauptmann und diverse ungarische Grundbesitzer, u. a. ein Stephan Tököly. Nach

dem Zusamenbruch dieser Konspiration, die auf eine Lösung Ungarns aus dem habsburgischen Staatenverband mit Hilfe Frankreichs und der Türken abzielte, begann jener Partisanenkrieg zwischen königstreuen und aufrührerischen Ungarn, der etwa um 1674 auch in Siebenbürgen hochflackerte. Vier Jahre später trat der junge Emerich Tököly bei Gefechten mit kaiserlichen Abteilungen besonders hervor und zog schließlich die Gesamtleitung dieser Scharmützel an sich.

Von allen westlichen Verbündeten in Stich gelassen, mußte 1678 der Kaiser in den harten Friedensvertrag von Nimwegen einwilligen und seine Truppen aus dem französischen Grenzgebiet nach Ungarn verlegen, wo die Rebellen (auf Druck Ludwigs des XIV.), sogar polnische Hilfe genossen und recht erfolgreich operierten. Tököly ließ eine magyarische Landeswährung in Gold prägen, auf welcher er sich als Fürst und Herr der ungarischen Reichsteile bezeichnete. Die Rückseite der Münze trug den Kopf Ludwigs des XIV. mit der Inschrift, daß der französische König Schirmherr der Ungarn sei.

Mittlerweile bequemte sich der Sultan angesichts russischer Kriegsdrohungen zur Beendigung des Krieges mit Polen, wobei Sobieskis Siege über diverse Paschas, bzw. sein erfolgreiches Durchhalten gegen jenen türkischen Wüterich, der den bezeichnenden Beinamen „der Teufel“ trug, insoferne Früchte trugen, als die Pforte formell auf die Oberhoheit über die Ukraine verzichtete. An anderen Stellen blieb die türkisch-polnische Frage weitgehend offen.

Schließlich konnte Leopold I.

den harten Kurs in Ungarn nicht durchhalten, sondern mußte eine Amnestie erlassen und den ungarischen Reichstag in das von der Pest entvölkerte Ödenburg einberufen. Hier leitete eine allerhöchste Entschließung weitere Verzeihungsgesten und Wiedergutmachungen ein, die, wie in alten Märchen üblich, von Treueschwüren und Versöhnungstränen beantwortet wurden.

Tököly und die ungarischen Radikalen aber klammerten sich kompromißlos an Ludwig XIV., der seinerseits wieder Sobieski und, als der nicht mehr mochte, den Großherrn selbst bei der Stange hielt. Stambul wollte auch aus eigenem Interesse nicht länger zuschauen und alles weitere nur Pascha Ibrahim in Ofen überlassen. Kara Mustapha Pascha, ein Schwager des inzwischen verstorbenen Ahmed Köprili, stellte bald darauf dem Tököly gegen noch zu vereinbarenden Jahrestribut die offizielle Militärhilfe der Türkei in Aussicht, d. h. die Pforte ging daran, nachdem sie schon den Schein der Selbständigkeit Siebenbürgens weitge

hend reduziert hatte, der Habsburgerherrschaft innerhalb Pannoniens ejn Ende zu setzen. Ibrahim in Ofen sah seinen bisherigen jungen Freund Emerich aufs unangenehmste wachsen, mußte ein förmliches Bündnis mit ihm ein- gehen und Tököly ins Feldquartier unweit des eben eroberten Kaschau nachreisen, um ihn dort sehr feierlich als Herrn und Regenten Ungarns zu inthronisieren.

Nun hatten es die Hellseher Europas mit ihren Zukunftsvisionen schwer: Sollte Ungarn ein evangelisches Magnatendorado unter der Streichelpeitsche des Padi- schah werden?

Oder wälzt der neue Wesir der Hohen Pforte, der seine Härte schon durch das Niedermetzeln aller Bewohner des polnischen Städtchens Human hinlänglich bewiesen hat, ganz andere, umfassende Pläne? Will er vielleicht dem Kaiser nicht nur dessen ungarische Bollwerke zur Gänze entreißen, sondern gar den Tököly bis nach Wien führen, wo er als turko-magyarischer Satellitenkönig, aber auch als spätes Gegenstück zum Corvinus residieren soll? In diesem Falle wäre noch Platz für eine übergeordnete Kontrollinstanz, ganz Pannonien betreffend, gewesen, die sich die Familie Köprili Vorbehalten könnte!

Leopold und seinen Ministern kam die Affäre sehr ungelegen, denn der letzte, unglückliche Krieg im Westen hatte die meisten Geldquellen weit über Gebühr ausgeschöpft, und die neue Türkensteuer steigerte den Mißmut schon deshalb, weil das öffentliche Vertrauen in die sinngemäße Verwendung der Gelder weitgehend fehlte. Sogar die un

tersten Volksschichten liehen antiklerikalen Elementen ihr Ohr, die der katholischen Mission in Ungarn mehr oder weniger offen die Schuld am drohenden Eingreifen der Türken gaben.

Als Starhemberg beim Aufbau der Verteidigung Wiens in den kaiserlichen Kassen nur insgesamt 30.000 Gulden vorfand, half der ehemalige ungarische Kammerpräsident und Bischof von Wiener Neustadt, Leopold Graf Kollonitz, aus dieser Notlage. Kollonitz wußte, wo die Erzbischöfe von Gran und Kalocza in der Stadt ihre Mittel vergraben hatten. Er eilte unter entsprechender Bedeckung in die Keller des Hauses Seilerstätte 20 und hob den Schatz. 483.836 Gulden gemünztes Geld sowie Gold und Silber im Wert von 499.780 Gulden standen nun dem Kommando zur Verfügung. Aber Kollonitz holte auch das im Pazmaneum vergrabene Kirchengeld von 61.555 Gulden herbei. Zusammen mit einigen kaiserlichen Anweisungen und einer Spende Ferdinand Schwarzenbergs hätte Wien damit mindestens vier Monate lang durchhalten können.

Übrigens war Bischof Kollonitz, außer seiner berühmten Aktivität zugunsten der Kranken und Kriegswaisen, damals eine legendäre Ritterfigur: Auf Kreta hatte er die Türken mit der Waffe bekämpft, auf Malta war er Kastellari der Johanniter gewesen. Als Verwalter der Ordenskomtureien Eger und Mailberg kam Kollonitz in Kontakt mit dem Kaiser, der ihn vorerst zum Bischof von Neutra machte, obwohl der also Ausgezeichnete die Priesterweihe erst zwei Jahre später erhielt. Den Türken war er von Kreta her in unangenehmster Erinnerung, und Kara Mustapha soll sich dahingehend geäußert haben, daß er nach der Einnahme des Goldenen Apfels Wien dem Pfaffen von Neustadt mit eigener Hand den Kopf abhauen werde.

1676 begann das Pontifikat In- nocenz IX. Damit waren in Rom das Ende der Verschwendung und Verwandtenwirtschaft, die Rückbesinnung auf den Wert des alten abendländischen Kaisertums, wie es Leopold verkörperte, und die energische Behauptung der päpstlichen Interessen vor Frankreich gekommen. Uber alles ging Innocenz jedoch der Abwehrkampf gegen den Islam. Er drängte durch seinen Nuntius trotz mancher Bedenken auf das Zustandekommen des Friedens von Nimwegen, nur um des Kaisers Kräfte für Ungarn freizubekommen. Denn der Papst erfaßte die türkische Gefahr in ihrer ganzen Größe und wußte, daß Habs- burgisch-Ungarn schon wegen der schwebenden Auseinandersetzung mit Polen osmanisches Angriffsziel werden müsse.

Innocenz glaubte nicht an den von Wien angepeilten Interessenausgleich in Südosteuropa und konzentrierte sich darauf, Ludwig XIV. neue Angriffe im Westen halbwegs auszureden, sowie Seiner. Legaten bei Sobieski auf einen Bruch Polens mit den aufständischen Magyaren hinarbeiten zu lassen.

Innocenz wußte auch um die finanziellen Schwierigkeiten Leopolds und sann auf Abhilfe. So veranlaßte er den Kardinal Buon- visi, bis 10. Oktober 1683 nicht weniger als 1,200.000 Gulden dem Kaiser zu überbringen. Besagter Kirchenfürst sowie weitere Mitglieder des Kollegiums ließen außerdem fast ihr gesamtes Gold- und Silbergeschirr in Münzen umprägen, damit sie ein Schärflein zum Kampf Leopolds beitrügen. In einem Breve erlaubte Innocenz mehreren Potentaten, vom erbländischen Klerus eine Türkenabgabe einzuheben, die über zwei Millionen Gulden einbrachte.

Prof. Dr. Fritz Rebhann ist Historiker in Wien.

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