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Führer der Nation

Die drei baltischen Völker - Esten, Letten und Litauer - erfreuten sich der staatlichen Unabhängigkeit zwischen den zwei Weltkriegen. Der Ausrufung der Unabhängigkeit gingen Jahrzehnte des kirchlichen Einsatzes für die Bewahrung der Kultur und Sprache der drei Völker voraus.

In Litauen begann die „Wieder- geburt" des litauischen Volkes im Jahre 1883 mit dem Erscheinen der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Ausra" (Morgenröte). Hundert Jahre später beschreiben die Her- ausgeber der unter sowjetischer Herrschaft geheim hergestellten „Chronik der litauischen katholi- schen Kirche" dieses Ereignis als den „ersten Schritt (Litauens) in die eigene Zukunft" und als einen „Aufstand eines kleinen Volkes... gegen die riesige Staatsordnung der Russen, Deutschen und Polen". In Estland und Lettland diente der Protestantismus als Identitätsprin- zip gegenüber der russischen Or- thodoxie und dem polnischen Ka- tholizismus.

Die Ausrufung der Unabhängig- keit Litauens trägt die Unterschrift von fünf katholischen Geistlichen. Die Katholiken Litauens und Lett- gallens mußten ihre nationale Iden- tität gegen die Vorherrschaftsrolle des polnischen Katholizismus kir- chenintern durchsetzen. Es ging um die Einführung der Muttersprache in Predigt und kirchliche Admini- stration. Dieser Kampf wurde auch in der Zeit der Unabhängigkeit ausgetragen.

Als der Vatikan auf die ersten Meldungen über die kirchenpoliti- schen Folgen des Stalin-Ribben- trop-Paktes in Litauen wartete, trafen Bitten aus diesem Land ein, der Papst möge es den polnischen Bischöfen und Priestern verbieten, die Gottesmutter als Regina Polo- niae auf litauischem Boden zu ver- ehren. Ähnliches über die innerka- tholischen Beziehungen der Letten mit den Polen in dieser Zeit kann aus den Erinnerungen des lettischen Primas, Kardinal Julijans Vaivods, entnommen werden. Sie sind kürz- lich in Riga erschienen.

Die sowjetische Annexion der baltischen Staaten bedeutete eine neue Periode des Ringens der ein- heimischen Kirchen um die Bewah- rung der jeweiligen nationalen Identität. Die sowjetische Besat- zung ist volksintern ausnahmslos als eine russische Okkupation ver- standen worden. Baltische Kirchen- führer haben immer darauf hinge- wiesen, daß ihre Kirchen stärker unter Hammer und Sichel leiden mußten als die orthodoxen Chri- sten.

Daß die litauische katholische Kirche in der eigenen Republik auf brutalste Weise verfolgt wurde, hat vor kurzem der republikanische Vorsitzende des Rates für religiöse Angelegenheiten, Kazimieras Va- lancius, zugegeben. Die Märzaus- gabe des Organs der litauischen KP „Kommunist" beschreibt die stali- nistischen Deportationen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Als ein Drittel des litauischen Kle- rus (rund 1.480) deportiert wurde und nur 130 Priester 1957 in die Heimat zurückkehren konnten, erfuhr die russisch-orthodoxe Kir- che eine Periode des Aufbaus, in der allein die Zahl von etwa 500 Gemeinden (unmittelbar vor dem deutschen Einmarsch) über zwei Jahrzehnte auf 16.000 Gemeinden bis 1961 steigen konnte, als die Verfolgungswelle Chruschtschows beide Kirchen hart traf.

Es genügt hier der Hinweis, daß ein russisch-orthodoxes Kloster seit langem in Vilnius bestehen konnte, als zu gleicher Zeit jegliche katho- lische Ordenstätigkeit strengstens untersagt war.

Der Kampf der litauischen Ka- tholiken für die Religionsfreiheit steht dauernd im Zeichen der Sehn- sucht nach der Eigenstaatlichkeit. Die verschiedenen, im Selbstverlag hergestellten litauischen Zeitschrif- ten der letzten zwei Jahrzehnte haben keine Trennlinie zwischen der kirchlichen und nationalen Freiheit gezogen. In der „Chronik der litauischen katholischen Kir- che" kann man lesen daß die litau- ischen Soldaten, die in Afghani- stan ums Leben kamen, für den russischen Imperialismus starben.

In den Samisdatzeitschriften „Ausra" und „Lietevos ateitis",die nicht als kirchliche Zeitschriften gelten, wurden immer Beiträge über die Verfolgung der einheimischen Kirche veröffentlicht. Vor allem wurde ausführlich über die seiner- zeitige Verfolgung der Geistlichen Alfonsas Svarinskas und Sigitas Tamkevicius berichtet.

Der Anbruch der Perestrojka eröffnete dem litauischen Volk erneut die Perspektive, an eine freie Kirche in einem eigenen freien Staat zu denken. Die litauische Front für die Perestrojka „Sajudis" steht der Kirche sehr nahe, auch wenn Kommunisten in ihren Reihen mit- machen.

Die Ausrufung der Unabhängig- keit am 11. März 1990 wurde in einer gemeinsamen Erklärung der litauischen Bischöfe befürwortet. Wenngleich offene Fragen über den tatsächlichen Ausgang des jüngsten litauischen Unabhängigkeitskamp- fes bestehen, steht es auf jeden Fall fest, daß die Kirche und das Volk entschlossen sind, die Zukunft gemeinsam zu bauen.

Dem litauischen Beispiel folgen demnächst die Letten und Esten. Hier können die Unabhängigkeits- bewegungen auch auf die Unter- stützung der einheimischen Kirchen rechnen. In Estland, wo die katho- lische Kirche nur durch zwei Ge- meinden vertreten ist, gehören Katholiken zu den Anführern der Unabhängigkeitsbewegung.

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