6966169-1985_14_11.jpg
Digital In Arbeit

Für die Juden beten

In der Feier des Todes und der Auferweckung Jesu Christi kon-turiert sich das Verhältnis von Christentum und Judentum auch als Gebetspraxis. Bis zum Konzil lautete die feierliche Fürbitte für die Juden in der Karfreitagsliturgie: „Lasset uns beten für die treulosen Juden, daß unser Gott und Herr den Schleier von ihren Herzen nehme, damit sie Jesus Christus unseren Herrn anerkennen.*4 Die Juden handeln demnach an ihrem Bund mit Gott treulos, weil sie sich auf den Bund Gottes in Jesus Christus nicht einlassen. Der .Alte” Bund ist danach durch den Neuen Bund abgelöst, weil „die” Juden treulos gegenüber Gott waren. Gott hat sein Volk verworfen.

Schon bald nach dem Konzil wurde die Konsequenz aus einer neuen, theologisch fundierten Verhältnisbesinnung der katholischen Kirche zum Judentum gezogen. Es heißt in den Karfreitagsfürbitten: „Lasset uns beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.”

Damit wird theologisch vorausgesetzt, daß der „Alte Bund” nicht der vergangene Bund ist und die Christen das Erbe des jüdischen Volkes angetreten haben, die Juden durch den Neuen Bund in Jesus Christus nicht enterbt sind. Dem Judentum wird damit (wieder) als eigenständige Größe Lebensrecht zugestanden. Der Alte Bund ist der Altere. Er bleibt bestehen und behält seine Gültigkeit neben der Erneuerung durch den „Neuen und ewigen Bund”, in Jesus Christus.

Damit ist es nicht plötzlich gleichgültig, ob man Jude ist oder Christ. Auf der Ebene der Glaubensentscheidung wird es aber sehr wohl möglich, überzeugter Christ zu sein — also an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu glauben, an den trini-tarischen Gott zu glauben — ohne den jüdischen Glauben als abgetan und als weniger wert herabzuwürdigen.

Angesichts dieser fundamentalen Bekehrung der katholischen Kirche im Blick auf den Bund Gottes mit seinem Volk Israel gibt es für Christen und Juden eine neue Qualität von Zukunft. Indem Christen die Juden als Bundeszugehörige mit der gleichen Aufgabe, Gott und die Mitmenschen zu lieben, in dieser Welt begabt wissen, erschließen sich deutlich gemeinsame Aufgaben in der Solidarität für das Heil dieser Welt im Blick auf die Vollendung bei Gott.

Zu hoffen ist, daß ein solches bekehrtes Beten auch einen Einstellungswandel in den Pfarreien bewirkt. Das Maß an offenem und verstecktem Antisemitismus läuft noch immer über. Es wäre am Karfreitag wert, daß wir Christen auch für uns selber beten, daß wir uns in diesem Sinne persönlich bekehren.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau