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Für ihr Leben gelernt

„Könnte ich aussuchen zwischen einer Woche Schule, einer Woche Ferien oder einer Woche Altersheim, ich würde das Altersheim wählen.“

Dieser Ausspruch eines Schülers soll nicht als Kritik am Schulsystem oder an der eigenen Unbeholfenheit der Freizeitgestaltung verstanden werden, sondern er ist schlicht und einfach das Resümee eines Teilnehmers einer Projektwoche: Schauplatz und Ort der Handlung sind ein Polytechnischer Lehrgang und das Altersheim in Korneuburg.

Sinn und Ziel der Woche sollte das Erleben sein. Das Erleben eines förderlichen Verhaltens der Menschen, konkret zwischen alt und jung.

Die acht Schüler, die sich freiwillig dem Projekt angeschlossen hatten, standen am ersten Tag mit zitternden Knien und feuchten Händen im Altersheim. Aber als nach dem Vorstellen die Senioren spontan applaudierten, wich auch die erste Spannung von den Schülern.

Nach dem ersten Erkundigungsgang und den ersten Kontaktaufnahmen trafen wir einander, um über die ersten Erlebnisse zu reden. Die einen hatten schon Feuer gefangen, andere wieder wagten sich noch nicht in die Zimmer und blieben lieber bei größeren Gruppen am Gang sitzen.

Den Mittagstisch servierten die

Schüler mit großer Begeisterung, und die Küchenchefin war voll des Lobes.

An den schönen Nachmittagen wagten sich Schüler und Pfleglinge mit dem Rollstuhl ins Freie. So erzählte mir Judith: „Rollstuhlfahren ist gar nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Jedesmal wenn wir über einen Rand-

stein fuhren, hatte ich Angst, die Frau würde herausfallen. Aber es ist alles gut gegangen.“

Andere wiederum machten Besorgungen, gingen mit den alten Leuten einkaufen oder reparierten kleinere Schäden.

Der Abschluß jedes Tages fand in der Schule statt, wo die Schüler gemeinsam den Tag reflektierten.

Und je länger wir im Heim waren, desto wohler fühlten wir uns, desto vertrauter wurden wir den Heimbewohnern. Sie erzählten uns, warum sie da sind. Und oft mußten wir erleben, daß sie gar nicht hier sein wollten.

Viele sehnen sich zurück in ihre Umwelt, sehnen sich zurück in ihre Familie. Der Ausspruch einer Dame im Heim mag diesen Zustand treffen: „Wir sind hier zwar in einer Gemeinschaft, aber wir sind doch so allein.“

Fotos wurden uns gezeigt, Erinnerungen wurden erzählt. Hier ist Endstation! Hier verbringen wir den Lebensabend! Hier warten wir auf den Tod! Eine harte, aber realistische Aussage.

So versuchten auch wir ein wenig Sonne in die Trübe des Alltags hineinzutragen, versuchten wir die große Leere mit ein wenig Sinn zu füllen.

Der Abschied vom Heim fiel keinem leicht.

Frauen drückten uns ans Herz und weinten beim Abschied. Andere wiederum waren enttäuscht, daß wir schon weggingen, und einen Stock tiefer brachten uns diese zum Abschied ein Ständchen. Wir verließen das Heim, erfüllt „ von Dankbarkeit und Angenommensein, erfüllt aber auch von den Sorgen und Wünschen dieser Menschen.

Was mit Angst begonnen hatte, endete mit der Freude, dem Nächsten Gutes getan zu haben.

Wir haben nichts Großartiges getan und doch erlebten wir Großartiges. Wir nahmen kein Geld und wurden trotzdem reich beschenkt.

Diese acht Schüler durften in ihrer Bereitschaft, für den anderen da zu sein, viele wertvolle Geschenke mit auf ihren weiteren Lebensweg nehmen. Geschenke, die nicht bezahlbar sind. Geschenke, die man nicht vergißt.

Der Autor ist Religionslehrer.

Aber einseitige Schuldzuweisungen sind zu einfach. Tatsache ist nämlich auch, daß es trotz permanenter Lehrplanreform bis heute nicht gelungen ist, die Schule als Lebensraum zu gestalten, in der außer formaler Wissensvermittlung auch auf die Realität des Lebens Bezug genommen wird.

Bis ins kleinste Detail ausgetüftelte Lehrpläne lassen dem Lehrer kaum noch Platz für seine erzieherischen Aufgaben. Dazu kommt eine ausufernde Schulbürokratie, in deren adminstrati- vem Gestrüpp so manche Eigeninitiative stecken bleibt.

Die Folge: der tägliche Schulbesuch wird für viele Schüler zur staatlichen Zwangsmaßnahme ohne erkennbaren Sinn — nicht von ungefähr nimmt gerade in den Pflichtschulen die Zahl der „Schulschwänzer“ ständig zu.

Stattdessen stillen die Schüler ihren Wissensdurst durch intensiven Medienkonsum. Und dort wiederum erleben sie eine Realität, die gekennzeichnet ist durch Brutalität, Aggression und Angstmacherei.

Verschärfend erweist sich der Umstand, daß viele Eltern — nicht nur aus den sozialen Problemgruppen — aus der Verpflichtung zur Erziehung ihrer Kinder flüchten. Die Schule, die Lehrer sollen, auf sich allein gestellt, alle Erziehungsdefizite beheben.

Die Schule ist aber dann überfordert, wenn sie zur „Reparaturwerkstätte der Gesellschaft“ gemacht wird (so ein Lehrer).

Auf die Unsicherheit der Eltern, auf die Zweifel der Lehrer an ihrer Aufgabe und am Erfolg ihrer Bemühungen reagieren die Kinder mit erhöhter Sensibilität. Gerade Lehrer, die ihre Unsicherheit hinter der Maske ihrer fachlichen Autorität zu verbergen suchen, haben nach der Erfahrung aller Befragten die größten Schwierigkeiten im disziplinären Bereich.

Denn die Verbindung zwischen fachlicher und pädagogischer Kompetenz (oder Autorität) gelingt in der Lehrerausbildung bis heute nicht, klopft sich etwa Marian Heitger schuldbewußt an die Brust,- weder in den Pädagogischen Akademien noch in der universitären Lehrerausbildung. Noch dazu wurden Begriffe wie „Tugend, Rücksichtnahme,

Dankbarkeit oder Ehrfurcht in der modernen Pädagogik so gut wie eliminiert“ (Heitger).

Und die Begriffsverwirrung, die etwa „Autorität“ mit „autoritär“ verwechselt, trägt das ihre zur eingangs geschilderten Frontstellung zwischen Lehrer und Schüler bei.

Noch müssen die Lehrer hierzulande keine zusätzliche Risikoversicherung abschließen (wie zum Beispiel in den USA oder in Großbritannien). Trotzdem werden Politiker, wird die Gesellschaft insgesamt aufhören müssen, in aller Öffentlichkeit mit vordergründigen Attacken das Selbstverständnis, auch die Autorität der Lehrer zu untergraben.

Kaum ein Lehrer will heute zurück zu Verhältnissen, wie sie der Schüler Gerber in Person des „Gott Kupfer“ erlebte. Aber es muß alles darangesetzt werden, daß „demokratisches Lernen“ in der Schule möglich wird ohne Ag- ^ressionszuwachs.

Schließlich muß bei der vom neuen Unterrichtsminister Helmut Zilk wieder einmal angekündigten „inneren Schulreform“ vor allem der pädagogischen Verantwortung der Lehrer ein gebührender Platz eingeräumt werden.

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