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Für Leo Gabriel

Die von Helmut Kohlenberger herausgegebene Festschrift zum 70. Geburtstag von Universitäts-Professor Leo Gabriel trägt den sehr anspruchsvollen Titel „Die Wahrheit des Ganzen“, hergeleitet aus dem Werk des Philosophen selbst, unterstrichen noch durch das Wort „integral“, das das Hauptwerk Gabriels „Integrale Logik“ charakterisiert. Qui nimis probat nihil probat, könnte man sofort denken und einwenden. Im heutigen ideologiekriti- schen Denken werden solche Ganzheitsansprüche abgelehnt. Robert Musil hat das einmal in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ treffend formuliert: Wir können nie das Richtige wissen, sondern immer nur mehr oder weniger Richtiges, also auch nie das Ganze in den Griff bekommen. Nun, es wäre ein Mißverständnis, Gabriels „Wahrheit des Ganzen“ unter dem Anspruch zu sehen, die ganze Wahrheit zu besitzen. Gerade seine Philosophie betont ja die Offenheit zur nie ausgeschöpften und nie ausschöpfbaren Idee des Ganzen der Wirklichkeit: „Das grundoffene System verhält sich in seiner Gestalt als logisches Ganzes dialogisch zu anderen Systemen, mit. denen es ständig im Gespräch ist, in einem schöpferischen, fruchtbaren, die Differenzen nicht in Identitäten auflösenden Gespräch, in fruchtbarer Auseinandersetzung, wodurch jede Position eigene Entfaltung, Bereicherung und Vertiefung erfahren kann.“

Und sie ist auch der Grundtenor aller Beiträge - diese Offenheit. Stellvertretend mögen nur genannt sein: „Dialektik und Dialog“ von Enrique Rivera de Ventosa (Salamanca), Paul Ricoeurs „Wissenschaft und Ideologie“ und des Herausgebers Beitrag „Geschichtsprozeß als Integration“. Die Titel verraten schon, wie jede Systemblindheit überwunden werden soll. Am deutlichsten zeigt das der Beitrag Adam Schaffs „Ein Marxist liest die integrale Logik“, der einen dem katholischen Philosophen konträren Standpunkt vertritt und trotz kritischer Distanzierung Gespräch und Anregung sucht; ein Beispiel geistiger Noblesse. Wörtlich sagt er: „Dogmatisches Sektierertum mit seiner nihilistischen Kritik an andersartigen Ansichten stellt eine Sackgasse dar, durch die die Entwicklung der Wissenschaft unmöglich gemacht wird … Kein Denksystem ist vollständig, und in diesem Sinn kann es keinen Anspruch auf absolute Wahrheit erheben.“

Die Beiträge, teils in streng wissenschaftlicher Diktion vorgetragen, teils (Gott sei Dank zum größeren Teil) sich an eine akademisch gebildete Allgemeinheit wendend, eröffnen uns die Perspektiven gegenwärtigen Geisteslebens, das sich von Kant über Hegel und Heidegger in die Gegenwart der Probleme der Sprachkritik und des Strukturalismus erstreckt, die Problematik der Wissenschaften, der Kulturund der Geschichte darstellt, und im besonderen die Frage nach der Wahrheit immer wieder anschneidet. „Wqs ist Wahrheit?“, die berühmte Pilatusfrage, wird in ihrer ganzen Tragweite zum Erlebnis. Der menschliche Geist besitzt keine unmittelbare Anschauung der letzten Wirklichkeiten, er ist daher auf die mangelhafte und fragmentarische Erkenntnis in Begriffen angewiesen. Man kann also seine dialektischen Spiele treiben, von der Anarchie der Standpunktlosigkeit bis zum totalitären System mit seiner unheilvollen Verbohrtheit. Und hier zeigt es sich., welche politischen Konsequenzen solchem Philosophieren entspringen können.

Doch die logisch-kritische Reflexion auf das eigene System und den eigenen Standpunkt, wie sie Gabriel immer wieder betont und zum Kernpunkt seines Philosophierens macht, ist die grundlegende Voraussetzung des offenen Gesprächs, der Aussprache, die Voraussetzung dafür, daß das jeweilige System ein offenes wird. Und dieses Gespräch - von einfachsten Einsichten bis zu wissenschaftlichen Formulierungen - wird nicht irrationalen Stimmungshaften Gefühlsbewegungen, die oft zu bloßem Geschwätz entarten, überlassen, sondern „es ist unsere These, daß das dialogische Denken eine streng rationale Möglichkeit ist und gemäß den in der integralen Logik aufgewiesenen Strukturen und Gestalten in logischen Formen entfaltet werden kann“. Nur so kann Verständigung erzielt werden, ohne in faule Kompromisse oder in ideologische Brutalität auszuarten.

Daraus ist zu ersehen, welche Verantwortung der Philosophie für die großen Probleme der Politik (Heinrich Schneider: „Politische Ethik in der gegenwärtigen Normenkrise“), für die Konzeption menschlicher Freiheit (Richard Wisser: „Schöpfung und Schöpfertum in der Philosophie“) und auch für die Probleme - praktischen Handelns (Verosta: „Zum Verhältnis von Ordnung und Macht“) zukommt. So mündet die „Darstellung meines Denkweges“, wie sie Gabriel amSchluß des Bandes bietet, konsequent in die Frage nach dem Frieden: „Erst diese Revolution der Denkart, in der die Dialektik in den Dialog übergeht vermöchte aus der geistigen Grundhaltung einer dialogischen Gesellschaft das geistige Fundament für den Frieden der Welt zu schaffen, der, wie wir heute schon wissen, nur aus einem durch umfassende Kommunikation veränderten Weltbewußtsein im Horizont einer die Welt als einiges Ganzes umspannenden integrativen Daseinsgestaltung in integraler Humanität (Gabriel Marcel) möglich und-notwen- dig ist.”

DIE WAHRHEIT DES GANZEN, herausgegeben von Helmut Kohlenberger, Herder-Verlag, Wien-Freiburg-Basel 1976, 248 Seiten, öS 180,—.

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