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Geboren von der Jungfrau

1945 1960 1980 2000 2020

Eine deutsche Theologin verlor die Lehrbefugnis, weil sie die “biologische Jungfrauengeburt“ leugnete. Dabei geht es primär gar nicht um biologische Tatbestände.

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Eine deutsche Theologin verlor die Lehrbefugnis, weil sie die “biologische Jungfrauengeburt“ leugnete. Dabei geht es primär gar nicht um biologische Tatbestände.

Die Medien haben in den letzten Wochen mehrmals von einem Konflikt um die deutsche Theologin Uta Ranke-Heinemann berichtet, die als Professorin an der Universität-Gesamthochschule Essen Neues Testament und Alte Kirchengeschichte lehrt. Der konkrete Anlaß war die Leugnung der „biologischen Jungfrauengeburt“ - ein nicht sehr glücklicher Terminus, der offenkundig in den Gesprächen und Erklärungen verwendet wurde, die schließ-

lieh zum Entzug der Missio cano- nica durch den Bischof von Essen führten.

Jungfräulichkeit Mariens, Jungfrauengeburt stellen Aspekte des Glaubensverständnisses dar, bei denen nicht wenige Christen Fragen stellen und Schwierigkeiten empfinden: Es wird der Verdacht geäußert, daß hier mythologische Elemente in das christliche Gedankengut eingedrungen seien; andere sehen darin eine Tendenz zur Weltverneinung, einen Ausdruck von Leibfeindlichkeit, ja eine Abwertung menschlicher Sexualität und ehelicher Berufung gegeben. Die Frage ist daher drängend, was denn die Kirche in diesem Fragenbereich definitiv lehre, und wie die biblischen Grundlagen dieser Glaubensüberzeugung zu sehen seien.

Die Kirche hat den Glauben an die Menschwerdung des Sohnes Gottes aus Maria der Jungfrau wohl nie auf einem Ökumenischen Konzil in feierlicher Form definiert. In den Glaubensbekenntnissen der Ost- und der Westkirche wurde aber dieser Aspekt des Christusgeheimnisses ausdrücklich betont — und die Symbole haben in der Lehrverkündigung der Kirche einen sehr hohen Stellenwert, sie sind ja Ausdruck des Glaubens, den der Täufling bekennt, wenn er in die Gemeinschaft mit Christus und in die Gemeinschaft der Glaubenden aufgenommen wird; dabei wird das Zentrale des Glaubens bekannt.

Schon die Vorformen unseres „Apostolischen Glaubensbekenntnisses“, das ja das Taufbekenntnis der Römischen Kirche darstellt, Texte aus dem dritten Jahrhundert, weisen diese Aussage auf, ebenso die großen Glaubensbekenntnisse der Konzilien von Nizäa (325) und Konstantinopel (381), unser „Großes Glaubensbekenntnis“. Die Kirche bekennt damit, daß Jesus aus Maria der Jungfrau geboren wurde. Damit ist zugleich der Kontext dieser Aussage angedeutet: Maria wird immer in Zusammenhang mit ilua»m Muttersein als Jungfrau bezeichnender Hinweis auf das Geborenwerden aus der Jungfrau ist eine Christusaussage.

Während Paulus in seinen Briefen die marianische Seite des Christusmysteriums nicht entfaltet (mit Ausnahme der nicht sehr pointierten anonymen Erwähnung von Gal 4,4), sprechen die Kindheitsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums vom Empfangenwerden Jesu aus der Jungfrau Maria durch das Wirken des Heiligen Geistes. Matthäus stellt Jesus als den Nachkommen Davids dar, als den verheißenen Messias (Mt 1,1—17). Im Abschnitt Mt 1,18-25 wird Joseph die Herkunft des Kindes, das seine Verlobte erwartet, geoffen-

bart: Der Emmanuel, der Gott- mit-Uns, wird geboren aus Maria durch das Wirken des Geistes.

Auch der analoge Text bei Lk 1,31-35 will deutlich machen, wer der von Maria Geborene ist: Er wird den Thron Davids innehaben, er wird über das Haus Jakob herrschen; nicht durch das Erkennen eines Mannes, sondern durch die Kraft des Heiligen Geistes wird er Mensch. In beiden Texten geht es primär um die Frage, wer dieser Jesus ist: Er ist der dem David Verheißene (2 Sam 7,13ff), er vollendet die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, mit ihm beginnt die Menschheit neu. Zugleich soll gezeigt werden, daß diese Geburt ein Geschehen in der Kraft Gottes ist, das herausragt aus dem für Menschen Üblichen und Möglichen. Das Geborenwerden aus der Jungfrau Maria ist Ausdruck dieses alles Erwartete überbietenden Tim Gottes.

Die manchmal bemühten Parallelen aus dem hellenistischen Bereich, wo in Mythen von der Zeugung eines „göttlichen Menschen“ durch eine Gottheit aus einer Frau die Rede ist, sind genau besehen keine wirklichen Parallelen. Der Heilige Geist tritt in unseren Texten nicht in die Rolle des männlichen Prinzips ein, es geht auch nicht primär um „biologische“

Tatbestände, sondern um die Aussage, daß in Jesus der Geist Gottes am Werk ist, der zu Anfang über den Wassern der Urflut schwebte (Gen 1,2); es ist die Uberschattung mit der Kraft Jahwes, der Israel durch die Feuer- und Wolkensäule aus der Knechtschaft Ägyptens befreite.

Die Texte des kirchlichen Lehramtes sprechen aber nicht nur von der Jungfrau Maria, das Zweite Konzil von Konstantinopel (553) spricht von Maria als

„immerwährender Jungfrau“ (Aei-Parthenos). Aber wir lesen in der Kindheitsgeschichte des Lukas ohne näheren Zusatz von Maria und Joseph als den Eltern Jesu (Lk 2,41.48). Mt 13,55 fragen die Landsleute aus Nazareth: „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns?“ Dazu kommt noch die Rede von den Brüdern und Schwestern Jesu. Beim Besuch Jesu „in seiner Heimat“ wird eine ganze Reihe von Brüdern mit Namen genannt (Mk 6,1-3; Mt 13,55-56).

Die Auslegungstradition der katholischen Kirche hat in diesen „Brüdern und Schwestern“ mit gutem Grund enge Verwandte gesehen (vor allem im Hinblick auf Mk 15,40 und Joh 19,25). Der von der Deutschen Bischofskonferenz 1985 herausgegebene Katholische Erwachsenenkatechismus nimmt diese Fragen nicht auf die leichte Schulter: „Die neutestamentli- chen Texte lassen, rein historisch betrachtet, die Auslegung der Kirchenväter, die sich im Credo niedergeschlagen hat, zu. Letztlich bleibt über diesen Texten aber ein Geheimnis, das rein historischer Betrachtung gar nicht zugänglich ist.“ (Seite 176)

Zunächst soll deutlich gesagt sein, was dieses Glaubensbekenntnis vom Geborenwerden Jesu durch die Jungfrau Maria nicht bedeutet: Es ist kein mythologisches Strandgut; es ist auch keine Abwertung von Ehe und Sexualität - schon aus dem einfachen Grund, weil eine leibfeindliche, „spiritualistische“ Einstellung dem jüdischen und semitischen Denken völlig fremd war. Es ist auch verfehlt, zu argumentieren, Jesus könne keinen menschlichen Vater gehabt haben, weil er Gott zum Vater hat.

Maria als die jungfräuliche Mutter Jesu ist die Verleiblichung dieser Wirklichkeit, sie ist leibhafter Hinweis für das Neue und Unerhörte der Zuwendung Gottes zu uns in der Menschwerdung seines Sohnes. Die kirchliche Aussage von der immerwährenden Jungfrauschaft Marias will die volle Bereitschaft’ und Verfügbarkeit für diese in Freiheit bejahte Berufung deutlich machen: Hier „erschließt sich ein Mensch in letztmöglicher Radikalität dem Christusereignis Gottes im Heiligen Geist“ (Wolfgang Beinert).

Der Autor ist Professor für Dogmatik an der Universität Wien.

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