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Die heile Familie, in Sonntagspredigten verklärt, lockt heute niemanden. Nur, gibt es sie dennoch, die christliche Familie, und wie sieht sie aus?

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Die heile Familie, in Sonntagspredigten verklärt, lockt heute niemanden. Nur, gibt es sie dennoch, die christliche Familie, und wie sieht sie aus?

Gerade bei dieser Fragestellung kommt es darauf an, Wunsch und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Darum eingangs drei alltägliche Beispiele:

• Ein altes Ehepaar, 50 oder mehr Jahre verheiratet, heute lebt nur mehr die Frau. Die ganze Verwandtschaft freut sich, wenn es heißt wir gehen zu ihr auf Besuch.

Er war der einzige, der meiner Frau und mir auf unserer Vor-stellungstournee vor dem Heiraten einen Rat gegeben hat. Er holte uns zur Seite und sagte ernst, wir sollten nie einschlafen, ohne einander vorher verziehen zu haben.

Sie konnten selbst keine Kinder bekommen und haben später ein Mädchen adoptiert. Erst heuer im Sommer habe ich nebenbei von der Witwe erfahren, daß ihr Mann jeden Tag vor dem Zubettgehen betete (kniend, er hatte einen eigenen Teppich dafür).

• Wir sitzen in einer Art Hausbar, schönes Geschirr, Bilder... „Das alles bedeutet uns nichts mehr“, sagt die Frau, als sie merkt, wie ich die Sachen mustere: Ihr Sohn, heute etwa 30 Jahre alt, sei Rauschgiftler. Immer tiefer hineingekommen, schließlich als „Dealer“ verurteilt und nach Garsten eingeliefert.

Als ihr aufging, was Garsten heißt, daß das eine systematische Einführung in die Unterwelt wäre, haben sie und ihr Mann gegen jede Hoffnung beim Richter interveniert, solange, bis der Sohn auf Bewährung herauskam. Begründung des erstaunten Richters, der erstmals solchen Einsatz für einen „Giftler“ erlebte: Der Junge hat offensichtlich eine Familie, die ihn nicht abgeschrieben hat.

Daß alles wieder in Ordnung ist, davon kann auch nach Entwöhnung keine Rede sein. Die Frau muß sich zwingen, nicht ununter • brochen sein Gewand nach Spritzen zu durchsuchen. Der Sohn kann nicht arbeiten, ist erst jetzt wieder imstande, kleine Dienste zu verrichten und bekommt dafür ein Taschengeld.

Viele sind von der Familie abgerückt. Dafür haben sich die betroffenen Eltern gefunden. Sie glauben, Gottes Atem reicht aus, um über den Abgrund der Sucht hinwegzukommen. Wenn es eine Hüfe gibt, dann ist es Dasein für den Sohn, ihn ohne Vorleistung anzunehmen. Und immer wieder erleben sie in ihrem Kreis langsam, langsam Heilung, und daß sie zu viel mehr Geduld und Liebe fähig sind, als sie gedacht hätten.

• Der Teufel schläft nicht, und sei es in Gestalt des grinsenden Schlafwagenschaffners, der dem glücklich verheirateten Ehemann, zweifachen Vater (die Frau ist gerade schwanger) in letzter Minute noch eine nicht unattraktive junge Dame ins Abteil legt. Die Fahrt ist lang.

Das meiste spielt sich in seinem Kopf ab. Trotzdem—am nächsten Morgen, daheim, möchte er im Boden versinken, als er seiner Frau gegenübersteht.

Er geht schließlich beichten. Er schäme sich so. Der Pfarrer meint, das Ganze sei recht bürgerlich, werde bei nächster Gelegenheit so wieder passieren. In Wirklichkeit habe er Christus verraten, beiseite geschoben.

Das war ein harter Brocken. Damals sei ihm aufgegangen, daß er nicht aus eigener Kraft ein guter Ehemann sein könne, daß er einen Auftrag habe, daß noch jemand mit geheiratet habe. Von der Erkenntnis seiner Schuld an hat er eine neue, gemeinsame Basis mit seiner Frau gehabt.

Ich erzähle diese drei bewußt alltäglichen Beispiele, weü sie eines deutlich machen: Ob eine Familie christlich ist, das läßt sich nicht an äußeren Merkmalen feststellen, etwa an der Kinderzahl, nicht einmal an Kirchgang und Gebet. Das ist — Paulus nennt es ja auch so — ein „Geheimnis“, aus dem Christen leben, auch als Familie. Das Geheimnis: Ohne Christus geht es nicht.

Das ernst nehmen zieht Folgen nach sich: Wir sollen unsere Anstrengungen gar nicht darauf richten, Weizen und Unkraut zu sondern, hier christlich, dort nicht. Wir sollen unsere Erfahrung weitergeben. Gibt es einen anderen Weg des Glaubenswachstums?

Ehen, in denen Christus der Dritte im Bund ist, werden früher oder später zu einem Abladeplatz für manches Unheü, manche Krankheit, sie müssen Platz und Zeit für verschiedenste Gäste haben. Das ist recht so.^es gehört zu ihrer Berufung. Die offiziellen kirchlichen Äußerungen von „Gaudium et spes“ an unterstreichen das auch immer wieder.

Eine Familie mit Christus wird von selbst zur wandelnden Ehe-Vorbereitung, lang vor unseren notwendigen, aber doch behelfsmäßigen Kursen - nicht zuletzt den eigenen Kindern gegenüber.

Das heißt nicht, daß es dabei keine Schwierigkeiten gibt, etwa in der Pubertät. Sie ist ja ein notwendiger Vorgang. Das, was Eltern, die den Glauben in die geheiligten Bezirke ihrer Lebensplanung, ihres Verhaltens, ihres Willens einlassen, ihren Kindern mitgeben, wirkt unterirdisch, wirkt auch über Abgründe hinweg.

Aus der Bibel kann man keine Familiennorm entnehmen. Wir erfahren etwa nicht einmal, ob Jesus aus einer Großfamilie stammte. Kinderreichtum ist noch nicht, von vornherein etwas Christliches. Kinderlosigkeit nicht unbedingt ein Fluch, die übliche zwei-Kind-Familie kein Maßstab. Sollten wir uns nicht mehr in Freiheit fragen: Was will Gott von mir, was sollen und können wir?

Das ist das Entscheidende. Wie aber können wir den Willen Gottes tun, wenn wir uns damit nicht auseinandersetzen? Daher ist alles gut, was Familien zum Gebet anregt.

Jesus hat keine Ehedauer von 50 und mehr Jahren gekannt, keine ..midlife crisis“, keinen Streit um häusliche und außerhäusliche Berufstätigkeit der Frauen. Von Jesus, dem Zölibatär, können wir nichts direkt abpausen.

Trotzdem gibt es christliche Familien — auch wenn Rechtgläubigkeit allein zu wenig ist, Perfektion ein Selbstbetrug, wenn nicht eine Abschreckung. Es gibt christliche Familien, aber nicht „hier und dort“. Christliche Familien sind auf dem Weg zu Jesus, unterwegs mit Jesus, trotz Unvollkom-menheit, Leid und Schuld. Nicht mehr und nicht weniger.

Oder mit den Worten von Pfarrer Otto Feuerstein senior: „Christsein ist ein lebenslanger Versuch“.

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift „Familie“, sein Beitrag ein Auszug aus seiner Stellungnahme vor dem Familienrat der Diözese Feldkirch.

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