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Gebot der Stunde: Biomasseforschung

1945 1960 1980 2000 2020

Wir brauchen die größte Kurswende seit 200 Jahren. Die entscheidende Möglichkeit, die Ökosysteme dieser Erde geordnet zu nutzen, bietet die Verwertung von Biomasse.

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Wir brauchen die größte Kurswende seit 200 Jahren. Die entscheidende Möglichkeit, die Ökosysteme dieser Erde geordnet zu nutzen, bietet die Verwertung von Biomasse.

In der Haltung gegenüber der Biomasse als Forschungsbereich ist eine entscheidende Trendwende zu verzeichnen. Während die die organischen Rohstoffe und Primärenergieträger beherrschende Mineralölwirtschaft vor einigen Jahren noch erklärte, daß gar nicht genug nachwachsende Rohstoffe produziert werden könnten, argumentiert man jetzt damit, daß die erneuerbaren Rohstoffe noch „zu teuer“ seien. Gleichzeitig investiert man Millionenbeträge in die eigene Forschung auf diesem Gebiet, um nach Auslaufen der erdgeschichtlichen Episode der Nutzung der fossilen Rohstoffe und Primärenergieträger das Heft weiter fest in der Hand zu haben.

Um dieser Entwicklung, die gesellschaftspolitisch unerwünscht ist, entgegenzutreten, sollten verstärkte : Anstrengungen unternommen werden, die Erzeugung und Verwertung von Biomasse auch für Klein- und Mittelbetriebe zu eröffnen, weil nur diese Gewähr geben, daß ökologische Sünden der Vergangenheit nicht noch einmal gemacht werden und daß die Rohstoffproduktion in überschaubaren Einheiten mit möglichst geschlossenen Stoffkreisläufen bei gleichzeitiger Schaffung erwünschter Sozialstrukturen erfolgt. (Dezentralisierte, funktionell verflochtene, sozial befriedigende Kleingesellschaften mit überschaubaren Machtstrukturen und Kommunikationsnetzen.) Die Biomassenutzung bietet nämlich die entscheidende Möglichkeit, das Ökosystem dieser Erde geordnet zu nutzen (Bedürfnisdeckung der Menschen mit der Natur und nicht gegen die Natur).

Wir brauchen die größte Kurswende seit zweihundert Jahren. Die Reintegration von Land- und Forstwirtschaft, Energie- und Rohstoffversorgung sowie Industrie und Gewerbe durch den Einsatz von biotechnologischen Prozessen und Anwendung der mikroelektronischen Regelungsmöglichkeiten im Rahmen der ökologischen Kreisläufe ermöglicht einen neuen Arbeitsschub für die traditionellen Industrien in der Phase des Strukturaufbaues mit nachfolgender Umschichtung in die neuen feingliedrigen Strukturen mit stabiler Beschäftigungslage, eine Senkung des Energieverbrauches und die Vermeidung der progressiv steigenden Umweltreparaturkosten.

Von der Bedürfnisplanung her sind folgende große Bereiche abzudecken und abdeckbar:

1. Wärmebedürfnis. Hier müßten vor allem die Verbrennungstechnologien in Richtung kleiner, dezentraler Einrichtungen optimiert werden („Nahwärmesysteme“ auf der Basis nachwachsender Biomasse).

2. Deckung des Bedarfes an Kraftstoffen für Verbrennungskraftmaschinen (Pflanzenöle und Alkohole).

3. Deckung des Bedarfs an Massenchemikalien, die bisher aus Erdöl erzeugt wurden (organische Chemie auf Basis nachwachsender Rohstoffe).

4. Weiterführung der Forschung bezüglich der biotechnologischen Herstellung von Spezialchemika-lien und pharmazeutischen Produkten.

In diesem Beitrag kann nicht auf die Einzelheiten eingegangen werden, doch kann man global sagen, daß die gesamte Petrochemie und Petroenergie durch eine Chemie der nachwachsenden Rohstoffe und durch Energie aus Biomasse ersetzbar sind. Die chemischen Wege hiezu stehen offen, ebenso die vermehrte Produktion von Biomasse, die auf Grund der modernen Züchtungsmethoden mit aufgelockerter Fruchtfolge und ohne Plünderung des Bodens und ohne hohen Stickstoffeinsatz möglich ist. Der ökologische Arbeitstarif ist aber teurer als der Plünderungstarif.

Die Menschheit steht vor der entscheidenden Frage, ob sie neben der Plünderung der Ressourcen, die wir von unseren Vätern ererbt haben, auch das Erbe unserer Kinder kurzzeitig verbraucht und gleichzeitig auch die eigenen Lebensgrundlagen vernichtet, weil es die Natur einfach nicht verkraftet, wenn fossile Biomasse, die in rund 500.000 Jahren gebildet wurde, in einem Jahr zum Großteil verbrannt wird.

Der Autor ist Präsident der österreichischen Vereinigung für Agrarwissenschaftii-che Forschung (OVAF).

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